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Full text of "Studien zu einer wissenschaftlichen Syntax der lateinischen Sprache. [microform]"

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MASTER 
NEGA TIVE 

NO. 93-81316-15 



MICROFILMED 1993 
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK 



as part of the 
"Foundations of Western Civilization Preservation Project" 



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would involve violation of the Copyright law. 



A UTHOR: 



HAUSER, DR. ADOLF 



TITLE: 



STUDIEN ZU EINER 
WISSENSCHAFTLICHEN 

PLACE: 

KARLSRUHE 

DA TE: 

1867 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 



Master Negative # 



Restrictions on Use: 



BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 



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Dissertation 



^J"^*^^- Hauser, Adolf ' ^ 

V 2 Studien zu einer wissenschaftlichen syntax 
der lateinischen spräche \ 

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Karlsruhe 1867 



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Silver Spring, Maryland 20910 

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Studien 



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ZU 



einer wissenschaftlichen Syntax der lateinischen 

Sprache. 



Von 



0r. Adolf Mauser* 



Zweiter Theil 



U. /Wfyi^^J^ 



Beilage zu dem Programme des Karlsruher Lyceums. 



Karlsruhe. 

Druck der G. Braun 'sehen Hof buchdruckerei, 

1867. 



Kk- 



Dorujort, 



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9 



Aliter miilta quam priores traditiiri fatemur 
ea quoqiie illorum esse muneris qui prirai vias 
qiiaerendi demonstraverint. 

Plin. H. N. 2, 15, 13, 62. 



Durch die Freundlichkeit eines Amtsgenossen ist 
es mir vergönnt, ausser der für unser Professoren- 
coUegium festgesetzten Reihenfolge das Programm 
der hiesigen Gelehrtenschule auch für das gegen- 
wärtige Schuljahr zu übernehmen und meinen vor 
drei Jahren (Beilage zum Programm des Karlsruher 
Lyceums von 1864) veröffentlichten Studien zur 
lateinischen Syntax den vorliegenden zweiten Theil 
folgen zu lassen. Derselbe ergänzt und vervollstän- 
digt den von mir versuchten Entwurf eines syntakti- 
schen Lehrgebäudes der lateinischen Sprache, mit 
Ausschluss des Abschnittes vom Periodenbau. Um 
den für ein Programm üblichen Raum nicht zu 
tiberschreiten , habe ich auch dieses Mal darauf ver- 
zichtet, die Lehrsätze mit Belegstellen aus meinen 
Sammlungen zu versehen ; nur die unmittelbar in den 
Text des Manuscriptes verflochtenen Beispiele Hess 
ich unangefochten von der Sparsamkeit des Roth- 



f 



• 



Stiftes. Aus der gleichen Rticksiclit habe ich auch 
(wie schon in dem früheren Programme) die Lehr- 
sätze vielfach nur schematisch angedeutet: die Aus- 
führung im Einzelnen musste zurücktreten vor dem 
Bedürfhisse, die Uebersicht des Ganzen wenigstens 
bis zu einem gewissen Grade zu ermöglichen. So 
lässt mich denn der Rückblick auf die bisherige 
Arbeit doppelt den Stachel des Unvollendeten em- 
pfinden und erwecket den Wunsch, bald von Neuem 
ein liebgewordenes Feld der Forschung in seiner 
Tiefe und Breite durchmessen zu können. 

Karlsruhe, den 27. Juni 1867. 



Dr. Adolf Hauser, 



Drittes Kapitel 



Hon itn ßtftimmm^tn be^ ®rtes, im 3eit, ber 
Wtift ttttb beB ®ruttbes. 

. A. Von der Bestimmung des Ortes. 

Alles unmittelbar sinnlich Wahrnehmbare stellt sich 
dem Menschen unter dem Begriife des Raumes dar. 

Das Befinden i n dem Räume ergibt sich auf die Frage 
w ? — das Ausgehen v o n einem Räume (als dem Aus- 
gangspunkte) auf die Frage woher? — und das Hin- 
streben nach einem Räume (als dem Zielpunkte; auf die 
Frage wohin? Diese drei Fragen entsprechen den Be- 
griffen des Werdens, Bestehens und Vergehens 
alles Endlichen, und von diesem (dem Endhchen) aus- 
gehend hat dann der menschliche Geist die Begriffe des 
Raumes auch auf das Unendliche und Uebersinnliche 
übergetragen, denn alles Vergängliche wird dem Menschen 
zu einem Gleichnisse des Ewigen. 

Zum sprachlichen Ausdruck einer Ortsbestimmung be- 
dient sich die lateinische Sprache (wie die deutsche) ent- 
weder der hierzu ausdrücklich bestimmten Wortart, näm- 
lich der praepositiones, in Verbindung, mit einem Haupt- 
wort (oder dessen beliebigem Stellvertreter), oder der 
adverbia loci, oder endlich der Casusformen. Zur besseren 
Uebersicht lassen wir am Schlüsse der Regeln über die 
Ortsbestimmung ein Verzeichniss der praepositiones, sowie 
der gebräuchlichsten adv. loci folgen. 



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— 2 — 

Anm. Dichter geben an der Stelle von Ortsbestim- 
mungen (ähnlich ist es bei der Zeit, § ) gerne die 
mehr versinnlichenden attributa. 
Die Grundregeln der Ortsbestimmung erleiden jedoch 
im lateinischen Sprachgebrauch einige wesentliche Modi- 
ficationen, und in specie ist die Ortsbestimmung bei 
Städtenamen eine ganz eigenthümliche ; über beide Punkte 
genüge Folgendes: 

I. Auf die Frage wo? antwortet im Lateinischen be- 
sonders häufig die praepos. in (cum abl.) ; wo nun das 
bei dieser praepos. befindliche Hauptwort noch durch ein 
attributum bffetimmt ist, erlaubt sich der Lateiner, aus 
einem gewissen Streben nach Kürze des Ausdrucks, die 
praepos. wegzulassen: tota Asia. 

Natürlich darf aber auch hier in nicht fehlen, wenn 
das Sein innerhalb des Raumes mit Nachdruck hervor- 
gehoben werden soll: in toto imperio. 

Wo jedoch auf die Frage wo? das Hauptwort mit attrib. 
im blossen abl. steht, scheint uns an sehr vielen Stellen 
der Ablat. des Grundes (Mittels, § ) in den abl. loci 
hei-überzuspielen , was wir besonders unzweifelhaft bei 
se teuere und den Verbis der Bewegung zu erkennen 
glauben, und bei diesem letzteren Zeitwort tritt auch 
regelmässig im Falle einer reinen und unzweideutigen 
Ortsbestimmung die betreffende Ortsbestimmung wieder 
ein: vado und per vadum transire. 
Anm. Bisweilen fehlt bei der praepos., als leicht zu 
ergänzen, das betreffende Hauptwort: Habitabat rex 
ad Jovis Statoris (sc. templum oder aedes). 
Anm. 2. Aus dem Streben des Sprachgebrauchs nach 
Kürze des Ausdrucks erklärt sich besonders die Weg- 
lassung der praepos. bei terra, mare und locus, in- 
dem diese Wörter eben im gemeinen Leben sehr 
geläufig waren. 

Hingegen entsprechen die Ausdrücke dexträ und 
laevä ganz den Bestimmungen des § , indem bei 
ihnen das Hauptwort parte ausgelassen erscheint. 



— 3 — 

Anm. 3. Eine ähnliche Unterscheidung des ablat, als 
localis und causalis, wie wir sie § gegeben, scheint 
uns auch dem lateinischen Sprachgebrauch bei Citaten 
aus einem schriftstellerischen Werke vorgeschwebt 
zu haben. Wönn nämlich das citirte Werk von dem 
in Rede stehenden Gegenstande nur neben vielem 
Anderen handelt, so tritt die praepos. ein (der Ge- 
genstand findet sich örtlich innerhalb des Werkes). 

Beisp. 

Bildet hingegen der Gegenstand den Gesammtin- 
halt des citirten Werkes, so ist letzteres das Mittel, 
um jenen zu behandeln, und dem entsprechend steht 
das Werk alsdann im abl. causali. 

Anm. 4. Nach der ihnen zukommenden licentia gehen 
die Dichter im Gebrauche des abl. local. (causal.) 
viel weiter, als die Prosa. 

IL Aus dem ähnlichen Streben nach Kürze erlaubte 
sich der lateinische Sprachgebrauch, die praepos. auch bei 
den Ortsbestimmungen auf die Frage woher? auszulassen. 
So z. B. wird der im täglichen Leben stets gebrauchte 
Rechtsausdruck movere nur mit dem blossen abl. ge- 
funden. 

Daneben besteht aber auch regelrecht die praepos: 

die nur dann wieder vorzugsweise 
ausgelassen zu werden pflegt, wenn dieselbe schon ein 
Mal im verbum (compositum) enthalten ist : castris egredi. 

Anm. 1. Im Briefstile ist die Anschauungsweise des 
Lateiners von der unsrigen wesentlich verschieden, 
indem er sich bei Abfassung eines Briefes sinnlich 
wie geistig von vorn herein in die Lage des Em- 
pfängers hineindenkt, sich diesem gegenüber bei An- 
kunft des Briefes als mündlicher Berichterstatter 
darstellt und also seine gegenwärtige Lage voraus- 
schauend als eine räumlich wie zeitlich entfernte 
(bezw. vergangene) auffasst. 

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— 4 — 

Doch ist auch die deutsche AufFassungsweise im 
Lateinischen gestattet. 

Beisp. 
(Vergl. übrigens auch § ). 

Anm. 2. Aehnlich wie im Briefstile linden sich übri- 
gens auch sonst im Lateinischen manche von abwei- 
chender Grundanschauung ausgegangene und hiernach 
zu erklärende Ortsbestimmungen. F. 388. 

Beisp. 
in. Auch auf die Frage wohin?* kann die betreifende 
praepos. ausgelassen werden, besonders nach solchen Zeit- 
wörtern, welche schon mit der entsprechenden praepos. 
zusammengesetzt erscheinen. 

Aber auch an und für sich ist der acc. als derjenige 
casus zu betrachten, welcher der Richtung wohin? ent- 
spricht. 

Anm. 1. Eine verschiedene Grundanschauung (cf. § ) 
bestimmte den Lateiner zuweilen zu Ortsbestimmun- 
gen auf die Frage wohin ?, denen im Deutschen solche 
auf die Frage wo? entsprechen. F. 387 mit Anm. 
Z. 489. 

und umgekehrt. 
Anm. 2. Dichter beantworten die Frage wohin? auch 

durch den dat., der aus § zu erklären ist. 
IV. Zur Bezeichnung der räumlichen Ausdehnung be- 
dient sich der Lateiner (wie der Deutsche) des nähern 
Objects; es erklärt sich aber dieses Object durch eine 
ursprüngliche Abhängigkeit von einem verb. trs. in Form 
eines partic. praes. act., z. B. habens, tenens, l/o^v. 

Statt des nähern Objects kann auch eine Grundesbe- 
stimmung im abl. auf die Frage wodurch? eintreten. 
Anm. l. Das hier erklärte nähere Object ist dann in 
adverbialem Gebrauche in manche Bestimmungen der 
Weise und der Zeit übergegangen. Y. 459. 
Anm. 2. Rein dichterisch und dem Griechischen ent- 
lehnt ist der Gebrauch : Zeitwörtern, welche in genere 



— 5 — 

act. ein näheres Object bei sich haben, im partic. 
pf. pass. dieses als Ersatz einer Ortsbestimmung zu 
belassen, und ein ähnlicher Gebrauch findet sich auch 
bei den trs. des Bekleidens. 

Von diesem Gebrauch ausgehend nun aber auch 
bei verb. intrs. und sogar bei adject. dieses nähere 
Object an der Stelle einer Ortsbestimmung zu ge- 
brauchen, ist als die äusserste Grenze des poetischen 
(und taciteischen) Sprachgebrauchs zu betrachten. 
Die Ortsbestimmungen bei Eigennamen von 
Städten und kleineren Inseln theilen, als in der 
Umgangssprache sehr häufig vorkommend , alle jene Be- 
stimmungen, die durch das Streben nach Kürze in der 
lateinischen Ortsbestimmung sich festsetzten und von uns 
§ erklärt wurden. Die Namen der kleineren Inseln 
wurden den Städtenamen gleich behandelt, weil bei ihnen 
die Insel gemeiniglich auch denselben Namen mit der 
Hauptstadt führte. 

Die Städtenamen stehen: 
I. Auf die Frage wo? 

a. im abl. als subst. der 3., oder als pluralia tantum 
der 1. und 2. Deklination; 

b. im genit., als subst. singularis numeri nach der 1. 
und 2. Deklination. 

Anm. 1. Es lassen sich aber Fälle nachweisen, dass 
auf die Frage w o ? sich auch ein Städtename der 3. 
Declination im dat. findet: F. 383, N. **. 

Beisp. 

Diesem Dat. vindiciren alsdann die Grammatiker 
die schon § berührte lokale Kraft. Diese zuge- 
standen, ist der genit. der subst. der 1. und 2. De- 
klination als ein ähnlicher dat. zu erklären, indem 
die alte Endung des genit. primae und secund. decl. 
auf ai und oi mit der des dat. gleichlautend war. 
Anm. 2. Sobald aber zum Städtenamen im Falle b. 
des § ein attrib. hinzutritt, steht der ablat. 



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- 6 — 

IL Auf die Frage woher? steht entweder 

a. das Hauptwort mit Vorwort, 

Beisp. 
oder 

b. der ablat. 

Beisp. 

III. Auf die Frage wohin? folgt der accus. 

Beisp. 
Sobald aber ein attr. hinzutritt, steht regelrecht die 
praepos. 

Beisp. 
Allg. Anm. 1. Hat der Städtename etc. eine appos. 
bei sich (urbs, oppidum, caput etc.), so steht diese 
auf die Fragen wo? und woher? im abl., auf die 
Frage wohin? im accus. 

Beisp. 
Ist aber umgekelu-t der Städtename selbst appos. 
zu einem solchen Hauptworte ^ so folgt er der nach 
den allgemeinen Regeln ausgedrückten Ortsbestim- 
mung lediglich nach den Bestimmungen der appos., 

Beisp., 
Statt deren auch bekanntlich der genit. der nähern 
Bestimmung eintreten kann. 
Allg. Anm. 2. Dichter gebrauchen auch Ländernamen 
nach Art der Städtenamen. 

IV. Wie die Städtenamen werden die Wörter domus, 
humus und rus construirt. 

Anm. 1. Auf die Frage wohin? hat humus die praep. 

F. 383, ***. 
Anm. 2. Auch bei domus ist der Gebrauch der praep. 

überall unbenommen. 
Anm. 3. Bei hinzutretendem attribut ist derselbe Fall 

bei domus, wie bei den Städtenamen, 

Beisp. 

nur die pron. poss. und das adj. alienus können auch 

zu domus in den genit. treten auf die Frage wo? 
Anm. 4. Ueber domi bellique etc., siehe die Zeit, § . 



— 7 — 

(Hier würde sich das Verzeichniss der gewöhnlichen 
adv. loci und sämmtlicher praep. mit Beispielen anreihen. ) 

B. Von der Bestimmung der Zeit. 

Wie die Vorstellung des Baumes, so schöpfte der Geist 
auch die der Zeit aus dem Entstehen und Vergehen, dem 
Kommen und Verschwinden der irdischen Dinge. Die 
Vorstellungen des Raumes und der Zeit stehen in einer 
innigen Verwandtschaft zu einander, und immer kehrt die 
Sprache darauf zurück, das unfasslichere Zeitliche als ein 
mehr sinnliches und anschauliches Oertliches aufzufassen. 
Dieses beweist auch in dem Lateinischen besonders der 
Gebrauch der (ursprünglich örtlichen) praep. bei Zeitbe- 
stimmungen. 

Das Vorhandensein eines Gegenstandes oder Verhaltens 
in der Zeit ergibt sich auf die Frage wann?, seine 
Dauer auf die Frage wie lange?, die Bestimmung seines 
Anfanges oder Endes in der Zeit auf die Fragen seit 
wann? und bis wann? 

Die Bestimmung der Zeit wird im Lateinischen ausge- 
drückt : 

I. Auf die Frage wann? 

1) durch ein Umstandswort; 

Beisp. 

2) durch ein Hauptwort mit Vorwort. 

Hier liegt überall die örtliche Auffassung zu Grunde, 
und finden dabei vorzugsweise folgende praepos. ihre An- 
wendung : 

in bezeichnet das Sein innerhalb eines Zeitraumes, 
verstärkt: mter und intra. 

Beisp. 
Anm. Wo das Sein als innerhalb eines Zeitraumes 
mehrmals vorhanden durch ein adv. numer. bezeich- 
net wird, darf natürlich in niemals fehlen: bis in 
anno. — 
ante und post. bezeichnen das Sein als im Zeiträume 
vor oder nach einem andern Sein befindlich: 



— 8 



- 9 — 



I 



ad, sub und circa bezeichnet die zeitliche Annäherung 
eines Seins, einem andern gegenüber. 

3) Durch den blossen ablat. ; in diesem Falle abstrahirt 
der Lateiner von der örtlichen Anschauungsweise und 
fasst die Zeitbestimmung als den Umstand (§ ) auf, 
unter welchem ein Sein oder Verhalten stattfindet. Die- 
ser Fall ist im Lateinischen weitaus der häufigste. 

Beisp. 
Anm. L Bei Angabc von Jahres- und Lebenszahlen 
in der Erzählung gebraucht der Lateiner ausschliess- 
lich die ordinalia. 

Beisp. 

Anm. 2. Um das periodisch sich wiederholende Ein- 
treffen eines gewissen Verhaltens zu einer gewissen 
Zeit zu bezeichnen, gebraucht der Lateiner das or- 
dinale verbunden mit dem pron. quisque: 

Anm. 3. Singulis diebus (mensibus, annis etc.). 

Anm. 4. Sehr oft ist der abl. der Zeit selbst wieder 
bestimmt dmxh eine Zeitbestimmung mit ante oder 
post: tribus annis ante Romulum. 

Wird nun der betreffende acc. bei ante oder post, 
als sich von selbst verstehend, weggelassen, so erhal- 
ten diese beiden hierdurch gewissennassen eine ad- 
verbiale Kraft: Socrates paucis diebus ante quum 
facile posset educi e custodia, noluit 

Ueber den adverb. Gebrauch von ante und post 
in solchen Zeitbestimmungen bei nachfolgendem Ne- 
bensatz mit quam siehe den zusammengesetzten Satz 
(§ ). 

IL Auf die Frage: wie lange? 

1) Durch ein Umstandswort. 

Beisp. 

2) Durch den accus.: (Erklärung.) 

Beisp. 

Anm. 1. Hierher gehört die Redensart: id temporis 
(aetatis). 

Anm. 2. Bemerkenswerth ist auch bei diesen Zeit- 



bestimmungen die Vorliebe des Lateiners für numer. 
ordinalia in Jalireszahlen und Jahresbestimmungen: 
sextum jam annum. (s. oben § ). 
Doch ist auch das«card. gestattet. 

Beisp. 
3) Durch ein Hauptwort mit Vorwort; alsdann ist die 
räumliche Anschauung dej Ausdehnung ganz unmittelbar 
auf die Zeit übertragen: besonders bei per. 
Anm. 1. Selten steht auf die Frage wie lange? der 
abl. oder vielmehr : selten steht die Zeitbestimmung 
auf die Frage wann ? wo man eine solche auf die 
Frage wie lange? erwarten würde: Scriptum est a 
Posidonio trigenta annis vixisse Panaetium. 
Anm. 2. Statt ante bei ^iner Zeitbestimmung auf die 
Frage wann? kann der Lateiner durch abhinc die 
unmittelbare Beziehung auf die Gegenwart des Spre- 
chenden andeuten, die Zeitbestimmung selbst aber 
entweder im abl. (wann?) oder im acc. (wie lange?) 
folgen lassen: 

a. Roscius litem decidit abhinc annis quatuor. — 

b. Demosthenes abhinc annos prope trecentos fuit. 
HL Auf die Fragen seit wann? und bis wann? 

antwortet der Lateiner stets in räumlicher G'rundanschau- 
ung mit Vorwörtern: 

a. seit wann? a, de, ex. 

b. bis wann? ad, in, sub. 

Anm. 1. Hierher gehören die Redensarten: in per- 
petuum, in futurum, in praesens (sc. tenipus) , in 
crastinum (sc. diem), in diem vivere, in dies augeri. 

Anm. 2. Dass der Lateiner Zeitbestimmungen auch 
durch appos. ausdrücken kann, s. § und durch 
attrib., s. § 

C. Von der Bestimmung der Weise und des Umstandes. 

Wir haben oben gesehen, dass das Hauptwort als Begriff 
einen Gegenstand bezeichnet, der quantitativ als Gattung 
(Art) aufzufassen ist, deren Arten (Individuen) dann 



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— 10 — 

sich durch ihre Qualität von einander unterscheiden ; wir 
werden finden, dass dieser qualitative Unterschied des 
Individuums in demselben BegriiTe beim Hauptwort vor- 
zugsweise durch das attrib. bezeichnet wird (s. unten § ). 

In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Zeitwort, 
denn dieses bezeichnet ein Verhalten, welches qualitativ 
der unendlichsten Modifikationen fähig ist. Diese letzte- 
ren (also die Art und Weise des betreffenden Verhaltens) 
in dem Begriffe des Zeitworts zu bezeichnen, bedient sich 
der Lateiner (wie der Deutsche) vorzugsweise des Um- 
standswortes oder adverbii, das also zum verb. dieselbe 
Stellung einnimmt, wie das adj. als attrib. zum nom. 
subst. 

Anm. Adverbialiter gehraucht wird auch manchmal 
der accus., z. B. magnam partem etc. Solche accus, 
lassen sich sämmtlich durch Ellipsen der nach Kürze 
strebenden Umgangssprache erklären. 

Zur Weisebestimmung sind auch die ein Verhalten be- 
gleitenden Umstände zu rechnen. Der Lateiner fasst 
dieselben entweder zeitlich auf im abl. (sobald noch ein 
attr. dabei steht): 

Beisp. 

oder örtlich : bei nachdi-ücklicher Bezeichnung der Beglei- 
tung und des Nebeneinanderseins: cum. 

Beisp. 
oder mit per, ad. 

Beisp. 

Anm. 1. Steht aber § kein attr. beim Hauptwort, 
so muss an der Stelle des zeitlichen Abi. stets das 
örtliche cum eintreten, um eine Verwechslung mit 
der Grundesbestimmung (§ ) zu verhüten. 

Anm. 2. Das deutsche ohne (ohne zu, ohne dass) 
als negative Bestimmung des Umstandes wird im 
lateinischen einfachen Satze gegeben: 

a. mit sine: sensim sine sensu aetas senescit. — 

b. durch ein negirtes attrib. : Quod verum est di- 



— 11 — 

cam non reverens. — Hamilcarem inauditum dam- 
narunt. 

c. durch einen negirten abl. der Weise oder des 
Umstandes, mit einem attrib.: nuUo monente. — 
insciente Antigono. — 

d. Durch einen inf. (gerund.) als Grundesbestim- 
mung mit einer Negat. 

Im zusammengezogenen Satze gibt der Lat. das 
„ohne dass" noch besonders durch die verneinende 
conj. neque. 

Im zusammengesetzten Satze kann er es überdies 
ausdrücken (wenn der Hauptsatz, wie gewöhnlich, 
verneint ist): 

a. durch einen verneinten Nebensatz des Attrib.: 
qui non. — 

b. durch einen verneinten Nebensatz der Folge: 
ut non, quin. — 

c. durch einen verneinten Nebensatz der Zeit; 
quum non. 

Die beim Zeitwort erwartete (adverb.) Bestimmung der 
Qualität kann der Lateiner auch demSubj. des betreffen- 
den Verhaltens attributiv beifügen, welche Gonstruction, als 
eine mehr versinnlichende, von den Dichtern in der Re- 
gel vorgezogen, aber anch in Prosa nicht selten gebraucht 
wird: rota cita currit. 

Anm. 1. Stets liegt ein gewisser feiner Unterschied 
in der wechselnden Beziehung auf Subj. oder Praed.: 
solus (solum) dixi. — 

Anm. 2. Bemerkt muss werden, dass invitus stets 
attrib. dem Subjecte beigelegt und nie mit einem 
Prädicat adverb. verbunden wird: invitus feci. 
Eine bestimmte Klasse von adverb. dient dazu, dem 
Modalitätsausdruck des verbi im indic. und conj. (s. § ) 
eine bestimmtere Färbung zu geben, wesswegen sie auch 
adverbia der Modalität genannt werden. 
1. Der modus indic. des verbi kann erhalten: 



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- 12 



- 13 - 



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1) eine intensive Verstärkung durch profecto (pro facto), 
in Wirklichkeit. 

Beisp. 
nae, Beisp. 
sane, 

vero re vera, 

certe scio, es ist gewiss, dass ich weiss, 
certo scio, ich weiss mit Gewissheit. 

2) Eine intensive Schwächung durch saltera, Beisp., und 
quidem , welches den Gedanken oder Begiiff in seiner 

Einschränkung liervorhebt. — 

Anm. equidem ursprünglich nur ego quidem. Bei 
Cic. noch ego quidem. Später auch bei andern Per- 
sonen: scitis equidem. 

scilicet und videlicet, 

nimirum, 

quippe, 

nempe. 

II. Der mod. conj. wird verstärkt durch: 

Forsitan (fors sit an). 

Beisp. 

Anm. Forsan poetisch. 
Fortasse. 

Beisp. 
Fortasse auch cum. indic. 

Beisp. 
Anm. Der Nebensatz eines untergeordnet zusammen- 
gesetzten Satzes hat für „vielleicht" den alten abl. 
forte, nach si, nisi, ne (num?) 

Beisp. 

D. Von der Bestimmung des Grandes nnd Zweckes. 

Bei Allem, was ist, fühlt der Mensch einen unwider- 
stehlichen Drang zu erforschen, wodurch, warum und 
wozu es ist. Das wodurch? und warum? beantwortet 
die Sprache durch die Bestimmungen des Grundes, das 
wozu dmxh die des Zweckes. 



I. Das wodurch wird als Grundesbestimmung aus- 
gedrückt durch den abl, welcher in seiner ursprünglichen 
örtlichen Bedeutung das Ausgehen von einem Punkte 
bezeichnet (S ) und daher hier als abl. causal. (instru- 
raentalis) nur eine erweiterte Anwendung jener seiner 
örtlichen Grundbedeutung erfährt. 

Wie wir aber schon oben bei der passiven Construction 
des verbi (§ ) bemerkten , unterscheidet der Lateiner 
bei Grundesbestimmungen streng zwischen Personen und 
Sachen. Nur Sachen also werden (als willenlose Werk- 
zeuge einer bewegenden Kraft) in jenem abl. instrum. 
gebraucht : 

Beisp. 
Bei Personen und lebenden Wesen hingegen findet 
(weil sie selbst Quelle eines Verhaltens vermöge ihrer 
Willkür sein können) stets die Ortsbestimmung mittelst 
einer praepos. statt: 

Beisp. 
Anm. 1. Doch finden wir auch bisweilen Sachen wie 
Personen constr: 

Beisp. 
und in einzelnen Ausdrücken ist dies stehender Ge- 
brauch: per vim, per fas et nefas, 

während umgekehrt in oft sich wiederholenden, 
besonders militärischen Ausdrücken auch Personen 
und lebende Wesen wie Sachen constr. werden, in- 
dem z. B. ein Heer nur als das willenlose Werkzeug 
des Feldherrn aufgefasst ward. Eine ähnliche Er- 
klärung verlangen Sätze wie: Scipio profectus est 
30 navibus longis, statt des sonst gebräuchlichen cum 
zur Bezeichnung der Begleitung ($ ). 

Anm. 2. Der sogen, abl. der Vergleichung bei Kom- 
parativen ist Nichts , als unser abl. caus. , durch 
welchen derjenige Gegenstand genannt wird, neben 
den gestellt der andere eben in der Vergleichung 
das höhere attrib. erlangte: 
und so zu förmlichen Redensarten geworden finden 



— 14 



— 15 — 



i 



I 



II 





V 



f 



sich beim conipar. besonders die abl. justo , aequo, 
opinione. 

Anm. 3. Gleichfalls nur als caus. aufzufassen ist der 
sogen, abl. pretii, indem er ursprünglich den 
Grund angibt, wodurch es gelang, einen Gegenstand 
in seinen Besitz zu bringen etc. 

Anm. 4. Sehr gebräuchlich im Lateinischen ist die 
unmittelbare Heranziehung des abl. caus. (instr.) an 
das Hauptw. (gewöhnlich das Subject) durch die 
Vermittelung eines attrib. in Form eines partic. perf. 
pass. : dolore incensus. — 

II. Das warum? wird bezeichnet 

1) als ein wodurch? durch den abl. caus. 

Anm. Hierher gehören auch viele adv., die als ur- 
sprüngliche abl. auf die Frage wodurch? gar nicht 
zu verkennen sind: eo etc., oder örtliche adv., wie 
hinc , inde etc. , die ursprünglich die Frage woher V 
beantwortend, übertragen angewandt wurden zum 
Ausdrucke des wodurch? und dann des warum? 

Beisp. 

2) Durch das Hauptwort mit Vorwort 

Beisp. 

III. Das wozu? des Zweckes wird beantwortet 

1) durch den Dativ, dessen ursprüngliche örtliche Kraft 
(§ ) übergeht in die erweiterte Anwendung des dat. 
eth. (§ ) und des dat. comm. & ine. (§ ), welche 
Bedeutungen er auch bei den Bestimmungen des Zweckes 

behält : 

Beisp. 

2) ganz örtlich aufgefasst, durch eine Ortsbestimmung 
auf die Frage wohin? bes. mit ad, in: 

Beisp. 
Anm. Umschreibend kann der Lateiner auch den Zweck 
bezeichnen durch: 

1) das partic. fut. act., s. § 

2) das supin. auf um, s. § 



Viertes Kapitel. 

Dos hximoxt in iFurm eines ^mptmoxks, Onftn. 

(Serunbium & Mpimm.) 

Der Infinitivus 

stellt den Begriff des Zeitworts in der Form eines Haupt- 
worts dar, dessen casus obliqui durch das sogen, gerun- 
dium bezeichnet werden ; dieses gerd. ist aber weiter Nichts, 
als die casus obl. des subst. gebr. neutrum des partic! 
praes. pass. — Jeder nom. und acc. eines inf. erscheint 
aber in der doppelten Form des Unvollendeten oder Voll- 
endeten, inf. praes. und inf. perfect. — Eine Verschie- 
denheit des inf. nach den Hauptzeiten existirt nicht, in- 
dem jene beiden Formen des inf. in Verbindung' mit 
jeder Zeit gebraucht werden können. Die Declination 
des inf. (das gerund.) gehört. ausschliesslich zur unvollen- 
deten Form. — Der sogenannte inf. fut. act. findet seine 
Erklärung aus § , der sogenannte inf. fut. pass. die 
seinige aus § 

Als formales Hauptwort kann der Inf. mit seinem ge- 
rund, fast überall in der Cap. 1. für das Hauptwort ge- 
lehrten Anwendung und . Ausdehnung gebraucht werden 
und steht besonders: 

1) Als Subject, vorzüglich, wenn die sogenannten 
verb. imperson. (placet, libet etc.) sein Prädicat bilden. 

Doch kann auch jedes andere beliebige Zeitwort (be- 
sonders in gen. pass.) als Prädicat zu ihm treten. 

Und da der Inf. als ein subst. gener. neutr. betrachtet 
wird, so kann er als solches vermittelst des Prädicats 
sum an sich ziehen: 

a. ein attributum: difficile est hanc rem explicare; 

b. eine appositio. 

Anm. 1. Als attrib. oder appos. ist auch das indecli- 
nabile: necesse, zu betrachten. 




u 



- 16 - 

kam. 2. Zur förmlichen Redensart als appos. gewor- 
den sind die Hauptwörter opus und tempus. 

Doch kann opus auch als Subject im Sinne des 
§ einen abl. zur Ergänzung seines Begiiffes an 
• sich nehmen, und zwar entweder den abl. eines 
Hauptwortes: duce nobis opus est, 
oder des supini: scitu nobis opus est, 
oder des subst. gebrauchten neutr. des partic. perf. 
pass.: mature facto opus est. — 
c. einen genitivus: tempori cedere est sapientis. — 
2) Als näheres Object kann der Infin. zu allen 
verbis trs. treten: 

Beisp. 
was natürlich auch vom inf. pass. gilt: vir bonus debet 
laudari. — 
Anm. 1. Coepi und desino gehen, wenn sie einen inf. 
pass. als näheres Object bei sich haben, regelmässig 
auch ihrer Seits in das passiv, über, weil eben das 
Anfangen und Aufhören nicht in der Gewalt des 
syntaktischen Subjects (das sich selbst leidend ver- 
hält) liegt: comitia haberi coepta sunt. 

Ist aber der inf. pass. intrs. und erhält hierdurch 
das grammatische Subject' wenigstens den Schein 
einer gewissen Thätigkeit und Willkühr bei dem An- 
fangen und Aufhören , so steht auch coepi und des. 
in gen. act.: heri judicia coeperunt. 

Anm. 2. Um Etwas schon vor seinem Geschehen als 
wahrscheinlich eintretend zu bezeichnen , setzt der 
Lateiner das Verhalten als vollendet im inf. perf.: 
ne quis quid emisse velit! 

Hiermit nicht zu verwechseln ist der regelrechte 
inf. perf.: satis est, hanc rem verbo tetigisse. - 

Ganz dichterisch ist der Gebrauch des inf. perf. 
statt praes. in Beispielen, wie: in antro bacchatur 
vates, si pectore possit excussisse deum. — 

Anm. 3. Bei dem Ausdrucke: consilium capio facere 



M 



17 



aliquid, ist der inf. näheres Object und consilium nur 
die appos. zu diesem Object. 
Nach den § angegebenen Gesetzen kann der das 
nähere Object bildende inf. durch die Umwandlung in die 
passive Construction zum grammatischen Subject werden, 
wenn er entweder ein verb. intis. ist: Possunt invidere 
mihi: Invideri mihi potest; — 

oder als inf. eines verb. trs. in der thätigen Form des 
nähern Oßjects ermangelt. 

Wo er aber im letzteren Falle ein näheres Object be- 
sitzt, wird dieses bei der passiven Umwandlung Satzsub- 
ject: puerum laudare debemus: puer laudari debet. — 
' Es ist ferner den lateinischen verl). trs. eigenthümlich, 
dass sie neben dem inf. als einem nähern Object der 
Sache auch noch ein näheres Object der Person (als Sub- 
ject zum Verhalten des inf.) an sich zu ziehen vermögen, 
in ähnlicher Weise wie das Deutsche: ich lehre (dich 
zeichnen). Dieses doppelte nähere Object des declinirbaren 
und conjugirbaren Wortes (des als mit seinem Verhalten 
unzertrennlich aufgefassten Gegenstandes) nennt die latei- 
nische Grammatik die constructio (Verbindung) des accu- 
sat. cum inf.: Dionysius tondere filias suas docuit. Be- 
sonders häufig findet sich dieser acc. c. inf. bei den verb. 
trs. sentiendi, cogitandi und declarandi, weil diese eben 
auch am häufigsten zur Begriffsergänzung ihres Verhaltens 
eines nähern Objects bedürfen. 
Anm. 1. Durch die häufigere Anwendbarkeit des acc. 
c. inf. erhält die lateinische Sprache auch vor unserer 
Muttersprache einen unläugbaren Vorzug der Kürze 
und grösseren Deutlichkeit. 

Besonders klar zeigt sich dies in den attribu- 
ten Nebensätzen (s. § ), deren Prägnanz in ähn- 
licher Weise zu erreichen unserer Sprache geradezu 
unmöglich ist: Cicero quem scimus etc. 
Anm. 2. Memini hat je nach Bedürfniss bald einen 
inf. praes., bald einen inf. perf. bei sich: Eos solos 
obtrectasse gloriae suae, cum liberaret Graeciam, me- 



— 18 — 



19 — 



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\i 



minerat. — Meministis me ita initio (sc. orationis) 
distribuisse causam. — Mernini, quum pater in Mace- 
donia consul esset, perturbari exercitum nostrum. — 
Anm. 3. Mit schärferer Unterscheidung als der Deut- 
sche gebraucht der Lateiner überall den inf. futuri, 
wo das Verhalten als erst in der Zukunft eintretend 
erscheint, besonders also nach Zeitwörtern, wie spero, 
polliceor, deren Inhalt (näheres Object) eben nur ein 
zukünftiger sein kann (vgl. auch §. ). 

Beisp. 
Bildet das verb. keinen inf. fut., so tritt die Um- 
schreibung mit fore, ut ein : Spero, fore, ut id mihi 
contingat. Hingegen steht der inf. praes., wenn die 
Hoffnung etc. auf ein unmittelbar Gegenwärtiges 
geht: spero te recordari, 

und beim blossen inf. steht nur der des praes. : 
Pollicentur obsides dare. 
Anm. 4. Natürlich kann beim acc. c. inf. auch die 
leidende Form Statt finden, und regelmässig geschieht 
diess, wenn der inf. act. wieder ein näheres Object 
bei sich hatte und dadurch eine Zweideutigkeit des 
Ausdruckes entstehen könnte; statt: Audimus, Ale- 
xandrum Dareum superasse, besser: Aud., Dar. ab 
Alex, esse superatum. — 

Sollte alsdann, nach Anm. 3, der inf. als zukünf- 
tiger dargestellt werden, so gebraucht man entweder 
die hierfür übliche Form mit iri und dem sup. auf 
um : spero, me laudatum iri, oder die Umschreibung 
mit fore, ut: sp. fore, ut lauder. — 

Mit diesem inf. fore lässt sich nun durch das partic. 
pf. pass. auch die vollendete Zukunft im infin. dar- 
stellen, entweder im reinen infin. oder durch ut: 
z. B. Carthaginienses rebantur fore, ut mox debel- 
latum esset (rebantur, debellatum mox fore). — Diese 
Mischformen für Zukunft (fore) und Vollendung (de- 
bellatum) also = inf. fut. exact. kann es in gen. 
act. nicht geben. - 



Anm. 5. Ist das Subject des verbi finiti und das 
nähere Object (der accus.) beim inf. ein und dieselbe 
Person (Gegenstand), so kann dieses Object, als leicht 
zu ergänzen, wegbleiben: ferre non posse (sc. se) 
clamabit. — 

Anm. 6. Ist beim acc. c. inf. der inf. ein inf. fut. oder 
inf. pf. pass., so kann das esse wegl)leiben, aus demsel- 
ben Grunde, wie Anm. 5 der acc. : Puto me mox redi- 
turum. — Oppugnata domus Caesaris nuntiabatur. — 
Anm. 7. Selten wird ein zum acc. c. inf. gehöriger 
Eigenname als Weisebestimmung mit dem verb. fin. 
verbunden und im acc. c. inf. durch ein pron. ersetzt, 
welches dann sogar wegbleiben kann: De Äfricano 
vel jurare possum, non illum iracundia inflammatum 
fuisse. -- De Flamiuio nihil accepi, nisi latine dili- 
genter locutum esse. — 
Anm. 8. Nur Dichtei- und spätere Prosaiker haben sich 
eine so ausgedehnte Verkürzung des acc. c. inf. ge- 
stattet, dass von demselben nur noch die appos. oder 
das attrib. übrig bleibt, welche dann das Subject des 
Satzes per attractionem an sich nimmt: Tac. H. 4; 
55: Ipse a majoribus suis populi i{. hostis quam 
socius jactabat. — Virg. A. 2, 377 : Sensit medios 
delapsus in hostes. - - 
Dass nun aber dieser acc. c. inf. selbst wieder als Satz- 
subject auftreten kann, vermögen wir nur aus einem ge- 
wissen Streben nach Kürze zu erklären, um nicht einen 
Nebensatz des Subjects und somit einen zusammengesetz- 
ten Satz bilden zu müssen. 

Wenn ein unbestimmtes Fürwort den acc. zu einem 
inf. bildet, der ausserdem noch ein attrib. oder eine appos. 
bei sich hat, so kann jenes Fürwort, als leicht zu ergän- 
zen, wegbleiben: aliud est servum esse (sc. aliquem). — 
praeclarum est, regem esse. ~ 
Anm. Ein solcher infin. bildet mit seinem attrib. 
(und appos.) gewissermassen einen zusammenge- 
setzten Begriff, welcher von dem Gegenstande, welche m 

2* 



II 



— 20 - 



- 21 



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er beigelegt wird, auf doppelte Weise angezogen wer- 
den kann: 

a. der inf. mit seinem attrib. (appos.) ist Satzsub- 
ject, der betreffende Gegenstand steht im dat. und 
zieht das attr. (appos.) in diesen casus herüber: Li- 
cuit esse otioso Themistocli. - 

b. der inf. mit seinem attr. (app.) ist näheres 
Object, der betreffende Gegenstand ist Satzsubject: 
coepi tibi molestus esse. — Dionysius a Zenone for- 
tis esse didicerat. — 

In beiden Fällen ist aber der Mangel der Attrac- 
tio eben so häufig: 

a. Civi Rom. licet esse Gaditanum. — 

b. Cupio me esse dementem. — 

Jeder Satz endlich, in welchem sich ein acc. c. inf. als 
näheres Object befindet, kann der Art in die passive 
Construction umgewandelt werden, dass der beim inf. 
befindliche acc. zum nomin. und mit seinem inf. zum 
Satzsubject wird, dem dann das vorher thätige Prädikat 
in leidender Form zugesprochen wird : Pythagoras in Ita- 
liam venisse dicitur. — 
Anm. 1. Als eine nur theilweise Umwandlung in die 
leidende Construction erscheint es, wenn der acc. c. 
inf. unverändert und als subst. generis neutr. Satz- 
subject bleibt, dem nichtsdestoweniger das Prädikat 
in leidender Form zugesprochen wird: Eam gentem 
traditur fama Alpes transiisse. — Nunciatur Afranio 
magnos comitatus ad flumen constitisse. — 

Sehr selten erscheint videor in solcher Weise als 
leidendes Verhalten zu einem acc. c. inf.: non mihi 
videtur ad beate vivendum satis posse virtutem. In 
der Regel nimmt es in persönlicher Construction den 
acc. im nom. als Subject zu sich: virtus videtur etc. 
Anm. 2. Vorzugsweise greift man zur vollen Umwand- 
lung in die leidende Construction, wenn in der thä- 
tigen Construction der acc. c. inf. selbst wieder ein 
näheres Object bei sich hat und hierdurch der Aus- 



,1 



druck zweideutig zu werden droht, in welchem Falle 
das nähere Object des acc. c. inf. dann Satzsubject 
wird, der inf. in die leidende Form tritt und sein 
acc. nach den § gegebenen Bestimmungen als Orts- 
o(ler Grundesbestimmung aufgefasst wird: Statt: 
Audimus Alexandrum Darium superasse, sagt man: 
Darius ab Alexandro superatus esse auditur, oder 
(nach der Regel von Anm. 1) auch: Darium ab Alex, 
sup. esse auditur. (Besonders jubeor und vetor.) 
Anm. 3. Die Umwandlung in die passive Construction, 
um Zweideutigkeiten zu vermeiden, erfolgt auch dann, 
wenn das unbestimmte pron. als selbstverständliches 
näheres Object der Person beim acc. c. inf. fehlt und 
dann der inf. noch ein Object der Sache zu sich 
nimmt: Decet virtutem coli. — 

3) Der infin. kann gebraucht werden als entfernteres 
Object; er erscheint in diesem Falle abhängig von 

a. Eigenschaftswörtern : Charta inutilis est scribendo. — 

b. Hauptwörtern: Demosthenes curator muris reficien- 
dis fuit. — Magius solvendo non erat. — 

c. Zeitwörtern: Nee triumviri accipiendo, nee scribae 
referundo sufi'ecere. — 

Anm. Dichter gebrauchen auch den cas. rectus des inf. 
als entfernteres Object. 

4) Als genitivus der nähern Bestimmung. Dieser Con- 
struction ermangelt die deutsche Sprache und muss sich 
umschreibend mit Ortsbestimmungen behelfen, wenn sie 
nicht, was wiederum ihre Stärke, dem Lateinischeh gegen- 
über, ist, in noch kürzerer Weise ein zusammengesetztes 
Wort (Haupt- oder Eigenschaftswort) zu bilden vermag: 

a. abhängig von Hauptwörtern : legendi occasio semper 
adest. — 

b. abhängig von Eigenschaftswörtern : equitandi peritis- 
simus erat. — 

Anm. 1. Ein solcher genit. des Inf. bei einem Haupt- 
wort darf nicht mit dem Falle verwechselt werden, 
wo der Inf. selbst eine appos. bei sich hat ; die syn- 



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3<-. ;. 



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— 22 - 

taktische Form ist verschieden, der Gedankenaus- 
druck kann in beiden Fällen der ähnliche sein: 
s. oben. 

Anm. 2. Nicht selten findet sich nun der genit. eines 
Hauptwortes zugleich mit dem eines Infin. in. gegen- 
seitiger Unabhängigkeit gemeinsam abhängig von 
einem Haupt-(Eigenschafts-)worte: omnium rerum 
una est definitio comprehendendi. 

Anm. 3. Dichter gebrauchen statt des genit. des ge- 
rundii den cas. rect. des Inf. selbst als appos.: 

a. nach Hauptwörtern: tanta cupido, Stygios in- 
nare lacus. — 

b. nach Eigenschaftswörtern: cupidus attingere — 
peritus obsequi. — 

Und ausgedehnt geben sie diesen Inf. dann sogar 
Eigenschaftswörtern bei, welche gar keinen genit. re- 
gieren: blandus ducere. — 

5) Jeder Inf. und besonders der accus, c. inf. (bei 
einem nähern Object) kann auch als appos. gebraucht 
werden : Quod quum audivisset adolescens filius, negotium 
adhiberi patri, occurrisse dicitur etc. — Posidonius gra- 
viter et copiose de hoc ipso, nihil esse bonum, nisi quod 
honestum esset, cubans disputavit. — 

6) Als Bestimmung des Ortes , der Zeit , der Weise, 
oder des Grundes: Providentia ex providendo est appel- 
lata. ~ Equus vehendi causa generatus est. — A fando 
dictum est fanum. — Multi patrimonia effuderunt lar- 
giendo. ~ 

Zu merken ist hierbei, dass, wenn der Inf. als acc. von 
einer praepos. abhängig wird, fast regelmässig der acc. 
gerundii eintritt: Ad discendum propensi sumus. — 

Doch ist auch der unveränderte inf. als acc. nicht sel- 
ten, und regelmässig wird er gebraucht, wenn er das Ver- 
halten nicht als ein reales, sondern als einen abstrakt abge- 
zogenen Begriff darstellt: Aristo et Pyrrho inter optime 
valere et gravissime aegrotare nihil prorsus dicebant in- 
teresse. — 



1 V , 



— 23 — 

Anm. Gebrauch des acc. c. inf. statt des genit. : Ann. 2, 83. 
Arcus additi (sc. sunt) cum inscriptione rerum gesta- 
rum ac mortem ob rem publicam obisse. — 
7) Ganz den classischen Sprachen eigenthümlich ist der 
Gebrauch des Inf. als inf. histor. an der Stelle eines Prä- 
dikats der historischen Zeit. 

Schlussbemerkung : Wie das Zeitwort überhaupt, so kann 
auch der inf. mit seinem gerund, ergänzt werden: 

a. durch ein näheres Object: Parsimonia est scientia 
vitandi sumptus supervacuos. — 
Anm. 1. Uebrigens ist der dat. und acc. des gerund, 
mit einem nähern Object selten: Cic. Cat. 3, 8, 20: 
ad placandum deos. In der Regel zieht man die 
passive Construction mittelst des gerundivi vor, was 
sich aus dem § über das partic. Bemerkten (Wahl 
des partic. statt des entsprechenden subst. abstr.) 
erklärt, wonach der Lateiner fast immer das mehr 
sinnliche concret. dem entsprechenden abstr. vorzu- 
ziehen geneigt ist: ad placandos deos. — 
Anm. 2. Häufiger findet sich ein näheres Object bei dem 
genit. und abl. des gerundii : Studium agrum colendi 
und: in agrum colendo. — 

Dennoch sind auch hier die Fälle einer passiven 
Construction mit dem gerundiv. zahlreicher: 

Und hierher gehören dann (in § erklärte) genit. 
der Absicht wie: si naves dejiciendi operis essent 
missae, - sowie die doppelte Construction von con- 
silium capere (cf. § ) consilium cepit ( opprimendae 

rei publ., 
opprimere 
rem publ. 
Anm. 3. Ist ein pron. pers. als näheres Object ab- 
hängig von einem dat. oder acc. des gerundii (Anm. 1), 
so hat die Umwandlung in die passive Constr. keine 
Schwierigkeit: Omnia parata erant ad nos defen-r 
dendos. — 

Anders verhält es sich, wenn diese pr. von einem genit. 



.!! 



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Pf 



— 24 — 

des gerundii abhängen (Anm. 2): z. B. cupidus sum 
te videndi. — Hier ist bei der passiven Umwandlung 
zu beachten, dass die genit. mei, tui, sui, nostri und 
vestri einem substant. abstract. (meum, mein Wesen 
etc.) angehören, also in der Einzahl sich mei, tui, 
sui mit dem gerundivum auf jedes Geschlecht be- 
ziehen können : puella, tui videndi est copia ! und 
in der Mehrzahl ebenso nostri, vestri, sui auch auf 
jede beliebige Zahl (als gewissermassen collect.) : Ne- 
que sui colligendi facultatem hostibus relinquunt ! - 

Anm. 4. Nothwendig bleibt die active Construction, ' 
wenn das gerundium ein neutr. als näheres Object 
bei sich hat und in diesem Falle durch die passive 
Construction eine Verwechslung mit dem entspre- 
chenden mascul. zu befürchten stände: consilium 
aliquid (zweideutig alicujus) faciendi. — Wo jedoch 
eine solche Verwechslung nicht wohl möglich ist, 
steht auch der passiven Construction Nichts im Wege: 
cupiditas veri invqniendi. — 

Anm. 5. Endlich kann in activen Constructionen durch 
eine Art von attractio das vom genit. des gerundii 
abhängende nähere Object auch in den genit. tre- 
ten, als gewissermassen von demselben Worte ab- 
hängig, welches den genit. des gerundii regiert: de 
inv. 2, 2: Nobis fuit exemplorum eligendi potestas. 
— de Univ. § 9. — Verr. 2, 31, 4, 17. — Phil. 
5, 3. - de fin. 5, 7. — Suet. Aug. 98. — Kritz 
erklärt eligendi potest. als zusammengesetzten Begriff: 
Wahlfreiheit, wovon dann exemplorum allein als genit. 
abhinge. — 

b. durch ein entfernteres Object: Soli boni idonei sunt 
aliis juste imperando. — 

c. durch einen genitiv. 

d. durch Bestimmungen des Ortes, der Zeit, der Weise, 
des Grundes. 

Anm. Da der inf., obgleich in der Erscheinung eines 
subst., durchweg die Natur des Zeitworts behauptet, 



— 25 — 

so lässt er kein adj. zur unmittelbaren attributiven 
Verbindung zu, so dass der Lateiner stets entweder 
das entsprechende Hauptwort mit Eigenschaftswort, 
oder den inf. mit entsprechendem adv. verbindet. — 
Wohl aber lassen sich die pronom. attributiv mit 
dem inf. verbinden : vivere ipsuni nobis turpe est. — 

« 

Das Supinum 

ist der zweite Ausdruck des abstrakten Begriffes, welcher 
in dem Zeitwort ruht, und erscheint seiner Fol'm nach 
als ein subst. verbale auf tus nach der 4. Declination. 
Das erste Supinum ist der Accus, dieses subst., das zweite 
ist der dat. oder der abl. desselben ; beide Supina vertreten 
in bestimmten Fällen die betreffenden casus des gerundii. 
1) Der accus, des supin. oder das erste supin. ist Nichts, 
als der accus, des Ortes auf die Frage wohin V, und steht 
daher bei den Zeitwörtern der Bewegung, sowie bei denen, 
deren Verhalten eine Bewegung zur Folge hat, z. B. vo- 
care etc. Uebertragen auf das Geistige ist das erste sup. 
der Ausdruck des Zweckes und der Absicht. 
Anm. 1. Aus diesem acc. der Ortsbestimmung erklärt 
es sich, warum man statt des ersten Sup. ein ge- 
rundium (gerundiv.) mit einem Vorwort als Bestim- 
mung des Ortes (oder Zweckes) gebrauchen kann, 
(sowie im zusammengesetzten Satze einen Nebensatz 
des Zweckes mit ut oder dem rel.) 
Anm. 2. Wie der inf. kann auch das Sup. ein näheres 
Object erhalten : Hannibal patriam defensum revoca- 
tus est. — 
Anm. 3. Dichterisch ist der Gebrauch des inf. statt 

des ersten Supin. 
Anm. 4. Aus Sätzen wie: bonorum praemia ereptum 
eunt, bildete sich der inf. fut. pass., zusammengesetzt 
aus dem ersten Sup. und dem inf. praes. pass. von 
ii-e: um iri. Diese Form bildet also nur scheinbar 
einen Inf. der Zukunft, sowie ein dabei befindlicher 
acc. nur zum Scheine einen acc, c. inf. bildet, wäh- 



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- 26 — 



— 27 - 



rend der acc. in Wirklichkeit von dem supin. abhän- 
gig ist. Die Erklärung ist also z. B. : spero causam 
meam tibi probatum iri, ich hoffe, dass man daran 
geht, iri, in der Absicht, dir meine Sache zu be- 
weisen. 
2) Das zweite Supin. ist entweder 

a. das entferntere Object (dat. comm. u. ine, dat. eth.), 
und findet sich als solches bei sehr vielen Eigenschafts- 
wörtern, deren Begriff ein solches Object als Ergänzung 
entwedei* verlangt, oder doch zulässt ; 

oder: 

b. der abl. des Ortes auf die Frage woher? wie bei 
dem Ausdruck cubito surgere (Gegensatz cubitum ire); 
und der abl. des Grundes auf die Frage wodurch?, be- 
sonders bei den Redensarten: fas (nefas) und opus est. 

^Anm. 1. Doch kann opus est auch ein Subj. erhalten, 
wodurch dann opus zur appositio wird: dux nobis o. 
est (was dann auch im zusammengesetzten Satze 
durch einen Nebensatz des Subj. geschehen kann). — 

Anm. 2. Bei den meisten adj., welche ein zweites 
Sup. zui' Ergänzung bei sich haben, kann man dieses 
eben so richtig durch den dat., als durch den abl. 
erklären : difficile est dictu : es ist schwierig für das 
Sagen, oder dadurch, dass man es sagt. — 

Anm. 3. Statt des zweiten Sup. (als dat.) kann ein- 
treten : 

a. eine Orts- (Grundes-) Bestimmung mit Vorwort: 
hie cibus facillimus est ad coquendum. — 

b. eine anderweite umschreibende Satzbildung, z. B. 
durch einen infin.: non facile est invenire. — 

durch ein Verbalsubstant. : justae causae facilis 
est defensio. — 

oder durch ein verb. tinit. mit entsprechendem 
adv.: non facile dijudicatur amor verus et falsus. 



Fünftes Kapitel. 

(Nebst Farticip. und Numerale.) 

Durch das Hauptwort wird jeweils ein Glied aus der 
unendlichen Kette der Wesen bezeichnet, welche der Men- 
schengei^t in den Bereich seiner Beobachtung zu ziehen 
vermochte. 

Als dem allgemeinsten Begriffe des Seins untergeordnet 
erscheint aber der Begrif!' jedes Wesens (also auch jedes 
Hauptworts; als ein zusammengesetzter, dessen Inhalt der 
Definition bedarf. Diese vollzieht die Sprache durch das 
Eigenschaftswort, welches zur Angabe der Merkmale 
eines Gegenstandes ausdrücklich bestimmt ist. — 

Das Eigenschaftswort. 

A. Jedes Eigenschaftswort kann gebraucht werden: 
1) Um die Merkmale eines Gegenstandes (Hauptworts) 
als attrib. näher zu bestimmen. Weil alsdann der Name 
des Gegenstandes, mit dem Eigenschaftswort verbunden, 
nur einen einzigen zusammengesetzten Begriff darstellt, 
so muss auch formell das Eigenschaftswort mit dem 
Hauptwort in der möglichst innigen Uebereinstimnmng 
stehen. Diess geschieht dadurch, dass das Eigenschafts- 
wort an allen möglichen formellen Bestimmungen des 
Hauptworts Theil nimmt, d. h. mit ihm in genus, nume- 
rus und casus übereinstimmt (congruirt). — - 
Anm. 1. Häufig werden Bestimmungen des Ortes (wie 
im Deutschen) durch adj. ausgedrückt: Gorgias Leon- 
tinus. Regelmässig ist diess der Fall bei den Be- 
stimmungen oben, unten, vorn, hinten etc., die ad- 
verbial auszudrücken dem Geiste der Lateinischen 
Sprache fremd ist : in media urbe. — 



1%. 



28 — 



~ 29 - 



Anm. 2. Von der Ortsbestimmung übertragen werden 
auch Bestimmungen der Zeit häufig durch adj. aus- 
gedrückt, besonders die Bezeichnung des Anfangs 
und Endes: Cono fuit extremo hello Peloponnesio 
praetor. — 

Aber auch sonst: Cic. p. Rose. 6, §.16: Erat Eo- 
mae frequens; 

wovon dann Dichter sich natürlich die ausge- 
dehnteste Anwendung erlaubten: Vespertinus pete 
tectum. — 

Bei zuerst hingegen und allein findet die adv. 
wie die attrib. Construction statt. Die erstere legt 
dem einen Subject das Prädicat als zum ersten (ein- 
zigen) Male geschehend bei, während die attrib. Con- 
struction das zuerst und allein dem Subj., andern 
Subjecten gegenüber betrachtet, unmittelbar persön- 
lich zuspricht : Ilanc urbem primus (primum) adii. — 

Anm. 3. Grundes- und Weisebestimmungen durch die 
betreffenden Adj. (St. der adv.) können überall da 
statt finden, wo sich die betreffende Bestimmung 
eben so gut attrib. auf das Subject, als adverbialiter 
auf das Prädicat beziehen lässt; ist dies nicht der 
Fall, so kann nur das adv. stehen: suaviter canto 
(denn nur mein Gesang soll angenehm genannt wer- 
den, nicht ich). 

Anm. 4. Aehnhch wie im Deutschen vertritt das Adj. 
oft die Stelle eines Eigenthumsgenit. : Venus Pra- 
xitelia, — 

Anm. 5. Da die lateinische Sprache weitaus nicht die 
Fähigkeit der griechischen und deutschen zur Be- 
zeichnung zusammengesetzter Begriffe durch zusam- 
mengesetzte Hauptwörter besitzt, so muss sie statt 
dieser sich meist mit einem genit. (§. ) oder einem 
attrib. behelfen: tempus vernum. — urbs maritima. — 

Anm. 6. Der gradus comparat. des Eigenschaftsworts 
wird ausschliesslich nur bei Halbirung eines ver- 
glichenen Ganzen gebraucht: major und minor nat. 



(ein Ganzes von 2 Brüdern). — duo priores libri 
(ein Ganzes von 4 Büchern). 

Bei -der comparatio beide adj. im comparat. Z. 690. 
Gebrauch des Tac. 

Anm. 7. Der superl. des Eigenschaftswortes kann in- 
tensiv verstärkt werden durch adv.: longo, multo, 
vel, oder durch das Zahlwort unus, longe unus. Eben- 
so der compar.: aliquantum amplior. — 

2) Um selbst (Substantiv.) einen Gegenstand zu be- 
zeichnen. Beim so gebrauchten adj. generis masculini 
und feminini findet hierbei jedes Mal gewissermassen eine 
Ellipse statt, indem der subst. Gebrauch dieser adj. nur 
erlaubt ist, wenn das betreffende hinzuzudenkende Haupt- 
wort sich leicht ergänzen lässt, und auch dies geschieht 
vorzugsweise nur im num. plur.: mortales, sc. homines; 
weit seltener im singul. 

Anm. Ohne syntakt. dadurch (wie doch im Falle des 
vorhergehenden § geschieht) den Rang eines Haupt- 
wortes zu erhalten, können Eigenschaftswörter sehr 
oft ihr Hauptwort entbehren, wo die Verbindung der 
beiden Wörter eine im Sprachgebrauch so gewöhnliche 
ist, dass sich jedes Mal das Subst. leicht ergänzen 
lässt; solche Ausdrücke sind: patria, sc. terra; na- 
talis, sc. dies ; Bacchanalia, sc. sacra ; hiberna (aesti- 
va), sc. castra; agere primas, secundas (sc. partes)* 
potare frigidam, calidam, sc. aquam; accusare repe- 
tundarum, sc. pecuniarum-. — 

Weit häufiger ist der subst. Gebrauch des adj. in ge- 
nere neutro; alsdann bezeichnet die Einzahl den Gegen- 
stand als ein abstr. : decorum , das Anständige ; verum 
das Wahre , während die Mehrzahl die concreten Erschei- 
nungen desselben Begriffes ausdrückt, was natürlich der 
häufigere Fall ist: onmia humana sunt fragilia. Futura 
sunt incerta. — 

* Doch vermeidet hierbei der Lateiner gerne diejenigen 
casus, welche zu einer Verwechselung mit dem gen. masc. 



30 — 



- 31 



Anlass geben könnten; er zieht alsdann eine Umschrei- 
bung mit res vor. 
Anm. 1. Wird in solcher Art das neutr. eines partic. 
pf. pass. substantivisch gebraucht, so kann dasselbe 
nicht blos als subst. ein Eigenschaftswort, sondern 
auch als Zeitwort ein adv. bei sich haben, was sich 
sogar häufiger findet, als das attrib. : praeclara (prae- 
clare) facta multa. — 
Anm. 2. Der ausgedehntere Gebrauch des gen. neutr. 
eines adj. als subst. ist den Dichtern, sowie der 
Prosa der Kaiserzeit besonders eigenthümlich , be- 
sonders in der letzteren aber dem Tacit. ; Primas 
dominandi spes in arclno. — Cuncta in majus cre- 
dita. 
B. Jedes Eigenschaftswort kann selbst wieder näher 

bestimmt werden: 
1) durch einen genitivus. Die Anwendung dieses casus 
zur Bezeichnung des Eigenthums und des Ganzen (zu 
seinem Theile), genit. poss. und partit., ist bereits oben 
§ erläutert worden. Sprachlich stünde kein Hinderniss 
entgegen, den Begriff eines jeden Eigenschaftswortes durch 
einen solchen genit. näher zu bestimmen; in der besten 
Zeit der lateinischen Sprache beschränkte sich aber die 
Anwendung desselben auf diejenigen Eigenschaften, welche 
bezeichnen : 
; a. Fülle oder Leerheit, Besitz oder Mangel. 

b. Schuld oder Unschuld. 

c. Begierde oder Abscheu. 

d. Wissen oder Nichtwissen. 

Anm. 1. So findet sich auch häufig ein solcher genit. 
bei comp, und superl. 

Anm. 2. Der genit. animi bei einem Eigenschaftswort 
ist der griechischen Sprache analog angewendet: du- 
bius animi, zweifelhaft in Hinsicht der eigenen Seele, 
(in seiner Seele). — 

Dieser genit. hat sich sogar auf Zeitwörter über- 
tragen: Z. 437. 



In der Poesie wie in der spätem Prosa finden wir 
diesen genit. in der grössten Ausdehnung angewendet. 
2) Durch einen dativ. (comm. und ine, poss., ethic). 
Anm. 1. Manche Eigenschaftswörter können, je nach 

der Auffassung des ganzen Verhältnisses, bald mit 

einem dat., bald mit einem genit. construirt werden ; 

es sind : par und impar , proprius , similis und dis- 

similis. — 

Anm. 2. Mehrere andere Eigenschaftswörter gehen 
leicht in die Bedeutung von Hauptwörtern über, wie 
amicus und inimicus, adversarius, aequalis, familia- 
ris, intimus, vicinus. Als Hauptwörter haben sie 
sodann den genit. oder sonstige Ergänzungen bei 
sich, während sie als Eigenschaftswörter regelrecht 
mit diem dat. construirt werden. 

Im grad. compar. werden diese Wörter nur adjec- 
tivisch gebraucht, also mit dem dat., 

hingegen im grad. superl. wieder sowohl substan- 
tivisch, als adjectivisch. 

Bei hostis bleibt es oft ungewiss, ob es als Eigen- 
schaftswort den dat. nach Analogie von amicus etc., 
oder als Hauptwort den dat. eth. bei sich hat. 
Anm. 3. Dem lateinischen dat. beim Eigenschaftswort 
entspricht im Deutschen oft eine Ortsbestimmung 
mit Hauptwort und Vorwort. 

Doch bleibt auch dem Lateiner die strengere ört- 
liche Anschauung und Bestimmung unbenommen. 
Anm. 4. Die Eigenschaftswörter propior und proximus 
können als adjectivische Steigerungsgrade des Vor- 
wortes prope auch wie diese den acc. bei sich haben. 
Anm. 5. Ein doppelter dat. der Person und der Sache 
ist beim Eigenschaftswort nicht gebräuchlich. Man 
pflegt dann die Sache als reine Ortsbestimmung durch 
ein Vorwort mit dem Eigenschaftswort zu verbinden. 
3) Durch einen accus., welcher casus alsdann Bestim- 
mungen des Ortes, der Zeit, oder der Weise nach den 
hierüber gegebenen Regeln enthält. Hierher gehört der 



— 32 — 



— 33 



MV 



acc. der Zeit auf die Frage wie lange? bei dem ursprüng- 
lichen partic. natus (geboren, alt), 

und besonders die Bestimmungen von Mass und Ge- 
wicht: tres pedes altus. — 

Dichter und spätere Prosaiker haben diesen acc. nach 
Analogie der griechischen Sprache in zahlreichen Fällen 
angewandt. 

4) Durch einen abl., und zwar des Ortes oder des 
Grundes. Vorzugsweise erscheinen mit einem solchen 
ablat. des Ortes verbunden die adj. editus, genitus, na- 
tus, ortus, satus (lauter ursprüngliche partic); 

und mit dem abl. des Grundes (Mittels) die Eigen- 
schaftswörter: 

a. dignus und indignus. 

b. contentus, fretus, laetus, superbus. 

c. alienus, onustus, plenus, praeditus. 

d. immunis, über, nudus, orbus, vacuus, venalis, aeger. 

Anm. In ähnlicher Weise ist der abl. des Grundes 
(Mittels) sehr häufig beim compar. statt der Ver- 
gleichung (elliptischer Satz) mit quam, 

sowie beim begrüssenden vocat.: macte (compara- 
tivisch, statt magis aucte), der ganz attrib. gebraucht 
wird. 

5) Durch ein Hauptwort mit Vorwort. 

Beisp. 

6) Durch ein adverbium. In der guten Prosa wird 
aber das Eigenschaftswort nur durch adv. der Quantität, 
nicht durch solche der Qualität, bestimmt : Consiliis uta- 
mur paullo salubribus. — 

Anm. 1. Poetisch oder der späteren Prosa angehörig 
sind demnach: turpiter ater (statt turpis et ater) 
und ähnliche Ausdrücke. 

Anm. 2. Hingegen kann als Umschreibung des superl. 
das adj. durch ein qualitatives adv. intensiv ver- 
stärkt werden : vir praecipue doctus. — tres potissi- 
mum sunt boni. — 



7) Dichter erlauben sich den nom. (acc.) des inf. als 
Ergänzung zum Eigenschaftswort zu setzen, wo man sonst 
in Prosa den dat. oder ein Vorwort zu gebrauchen pflegt. 

Das Participium 

ist ein Zeitwort in Form eines Eigenschaftswortes. Als 
solches steht es "entweder attributiv, 

oder substantivisch. 

Als integrirender Theil des Zeitwortes theilt das partic. 
mit demselben alle Ergänzungen und Bestimmungen durch 
Objecte etc. 

Durch die Form kann der Lateiner beim partic. unter- 
scheiden : 

1) das genus verbi (act. und pass.). 

2) die Momente der Dauer (partic. praes.) und der 
Vollendung (partic. perf.), des Wollens (part. fut. act.) und 
des Müssens (partic. fut. pass. oder gerundiv.) ; es ist in so 
fern also der Verbindung mit allen temporibus fähig, durch 
die dann seine eigene Gleichzeitigkeit bestimmt wird. 

3) Das genus nominis, den numerus und den casus. — 
Anm. 1. Die deutschen verba intrs. können im genus 

act. ein partic. der Vollendung bilden, z. B. die 
untergangene Sonne, wofür sich der Lateiner mit 
einem Nebensatze behelfen muss: sol, qui occidit. 

Nur von folgenden verb. intrs. finden sich ein 
partic. praeter, nach Analogie der deponentia gebil- 
det: pransus, coenatus, juratus, adultus, coalitus, 
exoletus, obsoletus, inveteratus, concretus, suetus, 
praeteritus. — 

Anm. 2. Das auch im Deutschen ungewöhnliche partic. 
act. der Vollendung bei einem verb. trs : »Der ge- 
lesen habende« wird ähnlich wie im Deutsclien durch 
einen Nebensatz umschrieben: is, qui legit. — 

Anm. 3. Den Mangel eines unvollendeten partic. pass. 
ersetzt ein passiver Nebensatz: urbs, quae capitur, 
wenn man nicht eine active Fassung des ganzen 
Satzes vorzieht: hostes urbem capientes. — 

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— 34 — 

Substantivischer Gebrauch des partic. : Themist. 1 : 
Et de instantibus verissime judicabat, et de futuris 
callidissime conjiciebat. — 
Das also ausgestattete partic. wandte die lateinische 
Sprache in sehr ausgedehntem Massstabe an und erlangte 
hiedurch einen nicht zu läugnenden Vorzug der Kürze 
und Gedrungenheit gegenüber unserer Muttersprache, 
welche sich dieser Form weit spärlicher bedient und statt 
derselben lieber Nebensätze in die Rede einschiebt; da- 
her vertritt das lateinische partic. dem Deutschen häufig : 

a. eine Bestimmung der Zeit. 

b. eine Bestimmung des Grundes (oder Absicht). 

c. eine Bestimnmng der Weise (oder Bedingung) : So- 
crates saepe ridens verum dicebat. 

d. Einen Nebensatz des attrib.: Sapiens bona semper man- 
sura laudat. — Omnes, aliud agentes, aliud simulantes, 
perfidi sunt. — 

e. Einen Nebensatz des Grundes: Dionysius, cultros 
metuens, adurebat capillos. — 

oder der Absicht : rediit rex, belli casum tentaturus.— 

f. Einen Nebensatz der Weise (Bedingung): mendaci 
homini, ne verum quidem dicenti, credere non solemus. — 

g. Einen Nebensatz der Zeit, wenn im Lateinischen 
der Nebensatz, als sich auf einen Gegenstand im Haupt- 
satze beziehend, mit diesem letzteren so attributiv 
verschmolzen werden kann: Aristides, patria expulsus, 
Lacedaemonem fugit. — Tarquinius Superbus, Ardeam 
oppugnans, Imperium perdidit. — Caesar, Alexandrea po- 
titus, regnum Cleopatrae dedit. — Alexander, Persidis 
fines aditurus, Susa urbem Archeiao tradidit. — Cassan- 
dro mortuo Philippus filius successit. — 

Anm. 1. Kommt aber das Subject des deutschen Ne- 
bensatzes der Zeit nicht zugleich als Subject oder 
Object im Hauptsatze vor, so setzt der Lateiner das- 
selbe in den abl. (der Zeit oder Weise) und lässt das 
betreffende partic. mit ihm in Congruenz .treten. 
Diesen ganz regelmässigen und nur durch das partic. 



mit einer schönen Prägnanz des Ausdruckes ausge- 
statteten abl. der Zeit oder Weise pflegten manche 
Grammatiker als etwas Ungewöhnliches und in der 
Construction nicht an die übrigen Satztheile Gebun- 
denes zu betrachten, wesshalb sie ihn den abl. absol. 
nannten : Pythagoras Tarquinio Superbo regnante in 
Italiam venit. — Aeneas Troja a Graecis expugnata 
in Italiam venit. — 

Auch kann der Grund in diesem abl. der Zeit 
stecken: Flaminium Caelius religione neglecta ceci- 
disse scribit. — 

Spätere geben diesem begründenden abl. der Zeit 
desswegen noch ein ausdrückliches Bindewort des 
Grundes bei : Caesar, quanquam obsidione retardante, 
brevi tamen omnia subegit. 

Anm. 2. Ein abl. der Zeit mit dem partic. kann nun 
mit einem, einen Nebensatze der Zeit ersetzenden 
partic. im Hauptsatze zusammentreffen: Romani vic- 
tis hostibus urbe potiti castra muniverunt. — 

Anm. 3. Selten findet sich der abl. der Zeit, wenn 
der Gegenstand schon als Subject oder Object im 
Hauptsatze genannt ist: Cato vivo quoque eo alla- 
trare ejus magnitudinem solitus erat. — Quae orna- 
menta etiam in Sex. Clodio te consule esse volue- 
runt. — 

Anm. 4. Noch seltener steht ein part. pf. pass. allein 
im abl. der Zeit: Alexander, audito, Darium movisse 
ab Ecbatanis, fugientem insequi pergit. — Beson- 
ders häufig bei Tac. 
h. Endlich gebraucht der Lateiner sehr häufig das attrib. 
partic, wo der Deutsche das von jenem Zeitwort abge- 
leitete subst. abstr. wählt, was besonders gern bei Be- 
stimmungen des Ortes, der Zeit, der Weise oder des 
Grundes geschieht: Amissa urbs. -- Major ex civibus 
amissis dolor. — Post expugnatam urbem civium condi- 
tio misserima fuit. — Bellum Tarentinum ob violatos 
Romanorum legatos excitatuni est. — Milites usque ad 

3* 



"^ 




I 



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— 36 — 

occidentem solem pugnaverunt. - Bonus civis abhorret 
ab urbe prodenda. — 
Anm. Ungewöhnlicher Weise wird auch das neutr. des 
partic. pf. pass. bisweilen statt des abstracten, von 
demselben Zeitwort abgeleiteten Hauptwortes ge- 
braucht: Tentatum domi per dictatorera, ut ambo 
patricii consules crearentur, rem ad interregnum 
perduxit. — Propter crebrius eo anno de coelo lapi- 
datum. — 
Wir lassen nun die Fälle von besonderer Anwendung 
der verschiedenen partic. folgen. 

I. Das partic. praes. act. findet sich als attrib. bei 
näheren Objecten, wenn diese vom verb. sentiendi oder 
declarandi abhängig sind, statt des sonst regelrechten 
acc. c. inf. ; besonders ist dieses der Fall nach audio, 
Video, facio, fingo, induco. Der Lateiner zog auch hier 
das partic. vor, weil es ihm lebhafter durch die anschau- 
liche Verbindung mit dem Gegenstand selbst darzustellen 
schien, was der inf. melir abstrakt bezeichnet: Video 
puerum currentem. — Xenophon facit Socratem dispu- 
tantem. — 

Anm. 1. Doch ist auch der regelrechte acc. c. inf. 
nach den genannten verbis erlaubt, und nur fingo 
und facio haben ausschliesslich das partic. praes. act. 
statt des inf. praes. act. 
Anm. 2. Im pass. hingegen steht wegen des mangeln- 
den partic. praes. auch nach diesen verb. stets der 
acc. c. inf.: Plato construi a Deo atque aedificari 
mundum facit. — 
Anm. 3. Das partic. fut. act. (zum Ausdruck der Ab- 
sicht und des Vorhabens) ist im Obigen seiner regel- 
mässigen Anwendung nach hinlänglich erklärt und 
kommt weiter in keinem besonderen Gebrauche vor. 
IL Das partic. fut. pass. findet sich seiner Natur und 
Bedeutung nach stets bei einem Gegenstande, der als ein 
in seinem Zustande noch unvollendeter, aber zur Vollen- 
dung bestimmter bezeichnet werden soll : pueri educandi, 



- 37 — 

zur Erziehung bestimmte oder zu erziehende Knaben. In 
der Regel gebraucht die deutsche Sprache an der Stelle 
dieses gerdiv. stets das entsprechende abstr.; wenn also 
im Deutschen dieses Hauptwort ein attr. bei sich hat, so 
tritt im Lateinischen zum gerdiv. das entsprechende adv. : 
die sorgfältige Erziehung der Knaben: pueri diligenter 
educandi, 

und ebenso tritt statt des pron. poss. beim deutschen 
Hauptw^orte das entsprechende pron. pers. beim gerdiv. 
ein: ad nos defendendos. — 

Ihren Hauptgebrauch findet diese ganze Ausdrucksweise 
zur Bezeichnung der Absicht nach den Zeitwörtern des 
Gebens, Sorgens etc., wo sie in concreterer und anschau- 
licherer Weise -die mehr abstracte Grundesbestimmung 
mittelst des gerundii vertritt ; neben z. B. : Partem oppidi 
sumit ad obsidendum, lieber: Urbs militibus diripienda 
data est. — 

Anm. l. Gebrauch des Liv. — 

Anm. 2. Habeo dicendum etc. ist nachciceronianisch, 
statt habeo dicere, habeo, quae dicam. — 

Anm. 3. Nur Dichter gebrauchen nach dare, curare etc. 
den blossen Inf. zum Ausdruck der Absicht oder Be- 
stimmung : Dederat comam diffundere ventis. — Prae- 
bet tibi vollere barbam. — 

Die Hülfsconjugation (conj. periphr.), gebildet aus die- 
sem gerdiv. und dem Zeitwort sum, dient zum Ausdruck 
der Nothwendigkeit eines Verhaltens: epistola est scri- 
benda, — 

und der Gegenstand, von dem dieses Verhalten aus- 
geht, steht nach § entweder örtlich mit Vorwort, 

oder im dat. ethic. 

Dieser dat. ist jedoch nicht erlaubt, wenn eine Ver- 
wechselung mit einem schon im Satze vorhandenen ent- 
fernteren Object zu befürchten wäre: urbs nobis a vobis 
aedificanda est, 

oder wenn durch einen im Satze befindlichen abl. ein 



38 — 



— 39 — 



I 



Zweifel entstehen könnte; de mercenariis testibus a suis 

civitatibus notandis. — 
Anm. 1. Soll bei dieser conj. periphr. das unpersön- 
liche Verhältniss dargestellt werden, welches der 
Deutsche durch das Wörtchen »Man« bezeichnet, so 
treten zwei Fälle ein: 

a. das zu Grunde liegende Zeitwort ist ein trs.; 
alsdann nimmt das verb. sein abhängiges näheres Ob- 
ject als Subject in die passive Construction herüber, 
und so entsteht ein regelmässiges persönliches Satz- 
verhältniss: urbs aedificanda est. — 

b. Liegt hingegen ein verb. intrs. zu Grunde, so 
steht die conj. periphr. in der 3. Pers. sing, neutrius 
gen., was nun ein ganz unpersönliches Satzverhält- 
niss ist, welches den Gegenstand, von dem das Ver- 
halten ausgeht, oder auf den sich dasselbe bezieht, 
im dat. zu sich nimmt: Hominibus moriendum est. 
— Suo cuique judicio utendum est. — Obviam eun- 
dum est audaciae temeritatique. — 

So auch im acc. c. inf. : Nemo unquam sapiens 
proditori credendum (esse) putavit. — 

Und sehr selten hat diese unpersönliche conj. ein 
näheres Object bei sich: Varro, R. R. 1, 21: canes 
paucos habendum est. — 
Anm. 2. Ungewöhnlich für unsere Sprachanschauung ist 
die lateinische persönliche Construction des gerundivi 
der verba intrs. deponentia : utor, fruor, fungor, ve- 
scor, potior, glorior, was sich aus der ursprünglichen 
trs. Natur dieser verb. erklärt : Non paranda sapien- 
tia nobis solum, sed fruenda etiam est. — Beata vita 
glorianda est. — Tenendus est voluptatis fruendae 
modus. — 
III. Hinsichtlich des partic. pf. pass. ist die Lebhaftig- 
keit und Energie hervorzuheben, welche es dem Aus- 
drucke verleiht, indem es entweder noch nicht Eingetre- 
tenes anticipando als schon geschehen und in seinem Zu- 
stande vollendet darstellt, was besonders der Fall ist nach 



a. volo, nolo, cupio, u. a., 

b. oportet, opus est : totam rem Lucullo integram ser- 
vatam oportuit. 

Anm. 1. Vielleicht ist im Falle a. wie b. ein inf. esse 
zu ergänzen (also acc. c. inf.). 

Anm. 2. Bei Dichtern auch dieses partic. bei curare. 

Anm. 3. Bei opus findet sich auch das neutr. des 
part. perf. pass. substantivisch in dem § erklärten 
abl.: Opus fuit Hirtio convento. — p. Mil. 19. Ni- 
hil erat, cur properato opus esset. — 

oder, um 

c. etwas Vollendetes als in diesem Zustande der Vol- 
lendung unverändert beharrend darzustellen, nach possideo, 
habeo, teneo etc. 

Anm. 1. Ziemlich viele verba depon. lassen einen pas- 
siven Gebrauch ihres partic. perf. zu; so auch im 
abl. der Zeit: partito exercitu; adepta libertate. — 

Anm. 2. Zu bemerken ist das partic. pf. pass. mit 
activer Bedeutung bei den Zeitwörtern coenare, ju- 
rare, potare und prandere; 

ferner dasselbe bei den verb. semidepon.: audeo, 
fido, gaudeo, soleo; endlich exosus und perosus (zu 
odisse), und pertaesus (von taedet). 

Anm. 3. Häufig wird ein Verhalten der verba depon. 
und semidep. einem Gegenstande attribut. als schon 
vollendet zugesprochen, ehe noch das Verhalten des 
Prädikats eintrat, während die deutsche Sprache je- 
nes attributive Verhalten als mit dem Verhalten des 
Prädikats gleichzeitig und noch dauernd durch das 
part. praes. bezeichnet. Beide Sprachen sind hier bis 
auf einen gewissen Punkt gleich sehr in ihrem Rechte : 
die Lateinische, weil jenes attributive Verhalten ge- 
wissermassen das Motiv zum Eintreten des prädika- 
tiven Verhaltens abgibt und diesem also zeitlich 
vorangegangen sein muss; die Deutsche, weil die 
Wirkung des attributiven Verhaltens gewiss als Aoch 
während der Dauer des prädikativen Verhaltens fort- 



Il 



40 



bestehend anzusehen ist: Fatebor me diffisum inge- 
nio meo quaesisse adjumenta doctrinae. — 

Anm. 4. Den Sinn des deutschen Ausdrucks »der so 
genannte« gibt der Lateiner nicht durch das partic. pf. 
pass. wieder, sondern bedient sich hierzu stets eines 
umschreibenden Nebensatzes, und zwar, wenn das als 
*so genannt« zu bezeichnende Wort iin nom. steht, 
durch einen passiven Nebensatz: nee nos impediet 
ignava illa ratio, quae dicitur. Steht es im acc, so 
folgt ein activer Nebensatz, worin das relativ dann 
wieder das nähere Object bildet: attractionem, 
quam dicunt, adhibuimus. 

Anm. 5. Ueberall, wo das verb. intrs. kein partic. pf. 
pass. bilden kann, tritt zum Ausdrucke des vollen- 
deten Attributs ein attributiver Nebensatz ein. 

Das Zahlwort 

wird zum grösseren Theile attributiv gebraucht; adjectiva 
sind nämlich die cardinalia, ordinalia, distributiva, mul- 
tiplicativa und proportionalia ; adv. sind nur die hiernach 
benannten numeralia adverbia (adverbialia) oder quotien- 
tiva. In die Syntax gehören einige Bemerkungen über 
den Gebrauch mehrerer Wörter dieser Art. 

1) Das cardinale unus sollte seinem Begriife nach keine 
Mehrzahl bilden können; dennoch ist diess der Fall, wenn 
unus zu einem subst. plur. tantum tritt, welche Mehrzahl- 
bildung dann aber doch nur eine formelle bleibt, indem 
das plur. tant. nur einen einheitlichen Gegenstand be- 
zeichnet. 

Ferner geht unus bisweilen gänzlich in die Bedeutung 
eines wirklichen Eigenschaftswortes über: einzig, allein: 
Animadvertit Caesar unos ex omnibus tristes terram in- 
tueri. — 

Anm. 1. In der Verbindung unus-alter kann unus wie 
im Deutschen zur Bezeichnung einer mehrköpfigen 
(aber doch einheitlichen) Partei in den plur. treten : 



- 41 — 

Tria Graecorum genera sunt, quorum uni sunt Athe- 
nienses etc. -- 
Anm. 2. Abweichend vom deutschen kann unus kei- 
nen genit. partit. an sich nehmen, statt dessen im 
Lateinischen immer die Ortsbestimmung mit ex (de) 
eintritt: unus ex fortissimis. — unus de multis. — 
Anm. 3. Steht unus in Verbindung mit andern Zahl- 
wörtern attributiv bei einem Hauptwort, so gelten 
die Regeln der Zusammenziehung (§ -: entweder 
steht das Hauptwort, auf die ganze Zahlsumme be- 
zogen, in der Mehrzahl: homines unus et viginti, 

oder, mit unus allein verbunden, im singul. : viginti 
et unus homo. 
Anm. 4. unus beim Superl. Z. 691. 
2) Das cardinale mille wird in der Einzahl adjectivisch, 
in der Mehrzahl substantivisch gebraucht, in welch letz- 
terem Falle der Gegenstand, welcher mehrere tausend 
Male vorhanden ist (falls er genannt wird), regelrecht im 
genit. partitiv. hinzutritt. 
Anm. 1 . Ist aber (einen zusammengezogenen Satz bil- 
dend) der Gegenstand auch noch als in Hunderten, 
Zehnen oder in Einheiten vorhanden bezeichnet, so 
kann der Name des Gegenstandes entweder, wie 
oben, mit den Tausenden verbunden : tria uiillia ho- 
minum et quingenti, — 

oder, von millia durch die äussere Stellung ge- 
trennt, mit den Einheiten etc. in Verbindung ge- 
bracht werden: tria millia et quingenti homines. 
Anm. 2. Uebrigens kann auch entweder 

a. mille in der Einzahl mit einem genit. part. ver- 
bunden werden, in welchem Falle das Prädikat in 
der Einzahl oder in der Mehrzahl folgt: In forum 
mille hominum descendebant. — Mille hominum ver- 
sabatur, — oder: 

b. millia wird attributiv mit dem Hauptw(jrt ver- 
bunden : Romani ceciderunt in Heriiico agro quinque 
millia ac trecenti. — 



— 42 



43 — 



N1 



Anm. 3. Dichter bestimmen die mehrfachen Tausende 
gerne multiplicativ durch die adv. numeralia: bis 
(ter etc.) mille homines. — 

Anm. 4. Sexcenti bei unbestimmter Menge, Z. 691. 

3) Fast übertrieben genau erscheint uns die doppelte 
Anwendung der numer. distr. (als näheres und entfern- 
teres Object oder Subj.) bei einer Vertheilungsbestimmung 
mittelst Singuli: Singulis militibus singuli denarii dati 
sunt, - da ja schon der einmalige Gebrauch genügte: 
Pater liliis senos (sex) libros dat. (Unterschied.) 

4) Subst. plur. tant., welche einen Gegenstand bezeich- 
nen, der äusserlich als eine Einheit erscheint, haben die 
distrib. in der Bedeutung der cardinalia bei sich; nur 
wird dann statt terni stets trini, und statt singuli immer 
uni (ae, a) gebraucht: una castra, senae litterae. — 

Anm. 1. Aber ternae epulae, sind je drei Mahl- 
zeiten; ebenso terna castra etc. 

Anm. 2. Wenn das plur. tant. hingegen einen mehr- 
fach vorhandenen Gegenstand derselben Beschaffen- 
heit bezeichnet, steht das cardinale: sex liberi. ~ 

Anm. 3. Ausschliesslich gebraucht werden endlich die 
distrib. zur Bezeichnung von solchen Gegenständen, 
die je ein Paar bilden und als solche erscheinen: 
Binos scyphos (ein Paar B.) habebam. — Tusci, in 
utrumque mare vergentes, incoluere duodenis urbi- 
bus terras (an jedem Meere 6 St.). — 

Anm. 4. Der Gebrauch der ordin. bei Zeitbestimmun- 
gen ist schon oben § erläutert worden; ebenso 
s. unten § über die Verbindung der ordin. mit 
quisque. — 



Sechstes Kapitel. 



^i 



Dom Mxmtt 

Die Fürwörter haben ihren Namen daher, dass sie im 
Satze an der Stelle eines Hauptwortes (pro nomine) ein- 
treten können. Sie sind eine der merkwürdigsten und 
gewiss zugleich ursprünglichsten Schöpfungen der Sprache, 
hervorgegangen aus dem Streben, einer Seits einen Aus- 
druck für die Persönlichkeit (pron. pers.) und deren Ei- 
genthümlichkeit (pron. possess.) zu finden, anderer Seits 
ein Aequivalent für das Hauptwort tertiae personae bei 
Fortsetzung der Rede zu besitzen, indem sonst die häufig 
nothwendige Wiederholung eines und desselben Haupt- 
wortes im Verlaufe der Rede sowohl lästig, als für das 
Ohr übel klingend erscheinen mochte. 

Nur ein kleiner Theil der Fürwörter gehört entschie- 
den zur Klasse der Eigenschaftswörter (die pr. possess.), 
sowohl ihrer Form, als ihrer Bedeutung nach ; der gi'össere 
Theil der Fürwörter aber (alle, mit Ausnahme der pr. 
pers.) lässt einen attributiven Gebrauch zu, wie wir 
schon oben § gesehen haben. 

Ihrer Al)leitung, Bedeutung und sprachlichen Bestim- 
mung nach theilt man dieselben in folgende Klassen ein : 

I. Die pr. personalia 
sind dem Range nach die ersten unter den Fürwörtern 
und dienen zur ausdrücklichen Bezeichnung desjenigen 
Gegenstandes im Satze, welcher entweder selbst spricht, 
oder zu welchem man spricht (was, ohne Nachdruck ge- 
sprochen, sonst durch die Conjugationsform , beziehungs- 
weise durch die Verbalendungen des verbi schon hinrei- 
chend bezeichnet ist) : pron. pers. der ersten und zweiten 
Person, sowie zur Bezeichnung desjenigen Verhältnisses, 



.V. 



44 — 



- 45 - 



'* 



I 



wenn sich ein Verhalten auf einen im Satze bereits ge- 
nannten Gegenstand zurückbezieht: zurückbezügliches 
oder reflexives pr. pers, Tzuweilen in'thümlich pron. pers. 
der dritten Person genannte — 

Beisp. 
Anm. 1. Mit dem Deutschen übereinstimmend ist der 
rednerische und schriftstellerische Gebrauch von nos 
statt ego, der in beiden Sprachen aus dem Bestreben 
des Redners (Schriftstellers) erklärt werden muss, 
die Zuhörer (Leser) in sein Interesse zu ziehen und 
gewissermassen mit der eigenen Person zu identi- 
ficiren. 

Diess muss natürlich überall unterbleiben, wo die 
eigensten Zustände und Verhältnisse des Redners 
dargelegt werden: Totum negotium non est dignum 
viribus nostris, qui majora onera in re publica sus- 
tinere et possim et soleam. — 
Anm. 2. Nicht blos das ausdrücklich gesetzte, sondern 
sogar das durch die blosse Verbalendung bezeichnete 
pron. pers. kann eine appos. bei sich haben: Ego 
non eadem volo senex, quae puer volui. — 
Anm. 3. Equidem. 

Vom Deutschen abweichend ist allein der Gebrauch des 
pron. reflex. sui, sibi, se, welches der deutsche Sprachge- 
brauch wechselnd bald gleichfalls durch das reflex., bald aber 
auch durch das demonstr. er, sie, es, bezeichnet. — Im 
Lateinischen gelten hierüber folgende Bestimmungen, die 
wir hier für alle Satzarten gleichzeitig aufzustellen für 
nöthig achten, und damit zugleich den Gebrauch des pron. 
poss. reflex. suus, a, um verbinden, indem dieses ganz 
unter denselben Bedingungen wie das pers. reflex. ge- 
braucht wird. — 

Im einfachen Satze steht das lateinische pron. pers. 
und poss. reflex. überall da, wo es sich auf einen Gegen- 
stand desselben Satzes zurückbezieht. 

Werden in demselben Satze mehrere Gegenstände ge- 
nannt, so kann ein Zweifel über die Beziehung des pers. 



und poss. refl. auf den einen oder andern Gegenstand 
bisweilen entstehen, worüber lediglich aus dem Sinne und 
Gedankengange (contextus) zu entscheiden ist: Cloelia 
Tiberim tranavit sospitesque omnes Romam ad suos re- 
stituit. ~ Theophrastus spoliavit virtutem suo decore. — 
Caesar sperat, milites de salute sua acriter dimicaturos 
esse. — Scipio suas res Syracusanis restituit. — Hunc 
cives sui e civitate ejecerunt. — Habetis ducem memorem 
vestri, oblitum sui. — Consules hostem in sua sede in- 
veniunt. — Sua cujusque animantis natura est. — Sui 
cuique mores fingunt fortunam. — Trahit sua quemque 
voluptas. — Suo quamque rem nomine appellare. — No- 
scenda est mensura sui. — Suis exemplis melius est 
uti. — 

Anm. 1. Bei Orts- (Art- und Weise- etc.) Bestimmun- 
gen mit Präposition im einfachen Satze findet sich 
das regelrechte pron. pers. und poss. refl. ftist nur 
bei den praep. cum, in, ad, a, weil der mit der 
Präposition genannte Gegenstand durch diese praepos. 
mit dem das Subject bildenden Gegenstande zu einer 
gewissen Identität des Seins verbunden erscheint: 
Dicaearchum cum Aristoxeno suo omittamus. — 
Habetis consulem non ad vitam suam, sed ad salutem 
vestram reservatum. — 

Anm. 2. Die Zweideutigkeit bei einem acc. c. inf. ent- 
scheidet sich am sichersten, wenn man denselben in 
•einen einfachen Satz auflöst. 

Anm. 3. Ist im acc. c. inf. das pron. das Subject 
(der acc), und der acc. c. inf. bildet das syntaktische 
Satzsubject, während der mit er etc. gemeinte Gegen- 
stand erst nachträglich als untergeordneter Satztheil 
vorkommt, so steht regelrecht is, ea, id : Aranti Cin- 
cinnato nunciatum est, eum dictatorem esse fac- 
tum. — 

Anm. 4. Eine Umschreibung des pron. kann durch 
das verb. im gen. pass. gegeben werden, das sich 



u 



- 46 - . 

in solchen Fällen oft dem Gebrauche des griechischen 
Medii nähert, 

und theilweise gilt dies auch von den deponentibus. 

Im zusammengesetzten Satze steht das pron. pers. und 
poss. refl. nicht blos im Hauptsatze (nach den bisher an- 
gegebenen Regeln), sondern auch wenn dieser als aus der 
Seele des im Hauptsatze genannten Gegenstandes, auf 
welchen sich das pron. des Nebensatzes bezieht, gespro- 
chen durch den conj. bezeichnet wird. 

In diesem Falle ist bisweilen durch mehrere im Haupt- 
satze vorkommende Gegenstände ein ähnlicher Zweifel 
hinsichtlich der Beziehung des pron. möglich, wie im 
einfachen Satze, worüber dieselben Rücksichten, wie dort, 
entscheiden: Agrippa Atticum orabat, ut se sibi suisque 
reservaret. — 

Besonders lässt sich ein solcher Zweifel dadurch be- 
seitigen, dass man den Nebensatz in seinen Beziehungen 
ganz getrennt vom Hauptsatze betrachtet: Scythae pete- 
bant ab Alexandro, ut regis sui filiam matrimonio sibi 
jungeret, wo der Nebensatz darzustellen ist: (Alex.) sibi 
junxit matr. filiam legis (Scytharum). — 

Bei mehrfach vorhandenem pron. im i'ebensatze hilft 
man sich der grösseren Deutlichkeit wegen bisweilen 
durch is und ipse, das die Beziehungen auf das Subject 
des Hauptsatzes darstellt, während das reilex. selbst auf 
das von jenem verschiedene Subject des Nebensatzes sich 
bezieht: Helvetii Allobrogibus sese persuasuros existi^na- 
bant, ut per suos fines eos ire paterentur. 

Wenn aber das pron. pers. und poss. rell. nicht auf 
einen Gegenstand desselben einfachen Satzes sich bezieht, 
so muss es im Lateinischen durch ein pron. demonstr. 
(gewöhnlich is, und, mit mehr Nachdruck, hie oder ille) 
bezeichnet werden: Semper ejus memor ero. — 

Dies gilt auch für den zusammengezogenen Satz mit 
mehrfach vorhandenem Gegenstande: Dux ejusque exer- 
citus capti sunt (also für die Beziehungen auf einen von 
mehreren, einander coordinirten Gegenständen), 



— 47 -~ 

sowie für den beigeordnet zusammengesetzten Satz: 
Cyrus magnus fuit Persarum rex ; ejus facta nemo non 
miratur. — 

Ebenso verhält es sich mit dem Hauptsatze des zusam- 
mengesetzten Satzes, 

sowie mit dem Nebensatze desselben, wenn der Fall 
§ nicht eintritt, also der Nebensatz unabhängig von 
dem Gedankengange des Hauptsatzes ein blosses Faktum 
einschiebt: Hannibal quamdiu in Italia fuit, nemo ei 
resistere potuit. 

Anm. 1. Für den Nebensatz des zusammengesetzten 
Satzes ist aber logisch eine doppelte Abweichung 
von den gegebenen Regeln möglich. Die Wahl des 
pron. ist bestimmt durch die Rücksicht auf zwei 
Subjecte : einerseits gibt die vorwiegende Auffassung 
des dem Gedanken oder Faktum fern stehenden Dar- 
stellers (Sprechers oder Erzählers) dem Satzganzen 
eine mehr objective Färbung, pron. dem.; anderer- 
seits tritt der Darsteller persönlich zurück und denkt 
sich mit dem wahren (denkenden oder handelnden) 
Subject des Satzinhalts identisch und gibt lediglich 
dessen mehr subjectivische Auffassung: pron. pers. 
und poss. refl. Diese Fälle sind also: 

a. Der Darsteller gibt die persönliche Beziehung 
eines aus der Seele des handelnden wirklichen Sub- 
jects (im Hauptsatze) gesprochenen Nebensatzes von 
seinem objectiven Standpunkte aus mit dem dem.: 
Pompejus ignes fieri prohibuit, quo occultior esset 
ejus adventus. -- 

b. Der Darsteller legt auch die persönlichen Be- 
ziehungen der seinem eigenen Urtheil entsprungenen 
Gedanken dem Subject des leitenden Hauptsatzes 
unter : subjectivische Auffassung mit dem pron. pers. : 
Caesar duabus de caüsis Rhenum transire constituit, 
quarum erat altera, quod auxilia contra se Treviris 
miserant (Germani). — Ei sunt duo ita forma simili 



-li' 



48 — 



— 49 - 



/ 




1 



pueri, uti mater sua non internosse possit. — Ovid. 
Fast. 6, 601. Ipse sub Esquiliis, ubi erat sua regia, 
caesus. — 
Anm. 2. Ein Nebensatz des Attributes (oder der 
Appos., S ) kann sich am wenigsten der persön- 
lichen Beziehung auf das Subject des Hauptsatzes 
entziehen , da eben das relat. das durch einen Neben- 
satz umschriebene Attribut zu innig mit jenem Sub- 
ject verbindet und es dadurch der mehr objectiven 
Auffassung des darstellenden Subjects ferne bleibt: 
Epaminondas ei, qui sibi ex lege praetor successerat 
(successori suo), exercitum non tradidit. - Hunc sibi 
ex animo scrupulum, qui se stimulat et pungit (se sti- 
mulantem et pungentem), ut evellatis, Roscius postu- 
lat. — Suet. Caes. 74. Philemonem servum, qui 
necem suam per venenum inimicis promiserat, non 
gravius quam simplici morte punivit (sc. Caesar, 
dessen Ermordung der Sklave versprochen hatte). — 
Ad Att. 6, 2, § 5: Mira erant in civitatibus ipsorum 
furta Graecorum, quae magistratus sui fecerant. — 
Terent. Hec. 4, 4, 38: Mater quod suasit sua, ado- 
lescens mulier fecit. — Vell. Paterc. 2, 56, 1. Cae- 
sar Omnibus, qui contra se arma tulerant, ignovit. 
— Hör. Epist. 2, 1, 78: Quia nil rectum, nisi quod 
placuit sibi, ducunt. — De divin. 1, 53, a. A.: So- 
crates postea quam exposuit, quae sibi videban- 

tur etc. - 
Anm. 3. Der (zusammengesetzte) verstärkte reflexive 
Gebrauch von suus sibi (als Attribut und entfernteres 
Object) hat sich im Lateinischen so eingebürgert, 
dass hier sehr oft sibi für das demonstr. steht: Plaut. 
Irin. 1, 12, 119: Nunc, si ille huc salvus revenit, 
reddam suum sibi. -^ Poen. 5, 2, 123: Suam rem 
sibi salvam sistani, si illo advenerit. ~ Aehnl. tuus 

tibi. 

la, durch diesen Sprachgebrauch veranlasst, findet 
sich bisweilen sibi bei einem suus, wo es gar nicht 



in die Construction passt: Cic. Lael. 3, Factus est 
consul suo sibi tempore (höchstens als dat. eth. zu 
erklären). — Terent. Adelph. 5, 8, 35: Suo sibi 
gladio hunc jugulo. — So tuus tibi, PL Bacch. 4, 
9, 71. 

Statt sui, sibi, se gebraucht man mit grösserer Her- 
vorhebung der Person im Gegensatze zu andern das pron. 
ipse, a, um. 

Anm. 1. Wir haben schon oben § bemerkt, dass 
auch in Nebensätzen ipse gebraucht wird, um die 
Zweideutigkeit der Beziehung zu vermeiden, die durch 
zwei im Hauptsatze genannte Gegenstände eintreten 
könnte, wo dann ipse sich stets auf den als Subject 
des Hauptsatzes genannten Gegenstand bezieht: Ju- 
gurtha legatos ad Metellum mittit, qui ipsi liberis- 
que vitam peterent. So kann ipse die Beziehung auf 
das Subject des Hauptsatzes darstellen, während suus 
dasselbe in Beziehung auf das Subject des Neben- 
satzes thut: Caes. B. G. 1, 40: Vehementer eos in- 
cusavit: cur de sua virtute, aut de ipsius di- 
ligentia desperarent? — 

Wenn man ferner zweifeln könnte, ob das im 
Nebensatze befindliche pron. pers. etc. auf das Sub- 
ject des Nebensatzes oder auf das des Hauptsatzes 
zu beziehen sei, so wird dieser Zweifel am sichersten 
durch ein dem Subject des Nebensatzes beigegebenes 
attributives ipse beseitigt: Natura movet infantem, 
ut se ipse diligat. — Caesar temeritatem militum 
reprehendit, quod sibi ipsi judicavissent, quid agen- 
dum videretur. 

Anm. 2. Es kann aher ipse auch die Stelle von is im 
Nebensatze vertreten, wenn die ausdrückliche Her- 
vorhebung der Identität des Gegenstandes, einem 
andern, im selben Satzverhältniss (zusammengezogenen 
Satz) genannten Gegenstande gegenüber, als ein Be- 
dürfniss erscheint: Habemus a Caesare, sicut ipsius 



— 50 - 



51 - 




dignitas et majorum ejus amplitudo postulat, sen- 
tentiam. — 

Anm. 3. Ipse in seiner attributiven Bedeutung »selbst« 
dient dazu, um einen Gegenstand nachdrücklich von 
allen andern zu scheiden; es hebt die Wirklichkeit 
eines Gegenstandes mit ähnlicher Verstärkung her- 
vor, wie idem die Identität des wiederholt genannten 
Gegenstandes mit sich selber ausdrückt: ipse rex 
exercitum duxit. — 

In solcher Weise verstärkend kann ipse auch zu 
den demonstr. hie, ille, iste, idem hinzutreten : Tus- 
cul. 1, 17, § 40: Ego enim ipse cum eodem ipso 
non invitus erraverim. — 

Anm. 4. Findet sich das attrib. ipse neben einem als 
Object gebrauchten pron. pers. und refl., so entschei- 
det lediglich der Sinn des Ganzen, ob ipse auf dieses 
Object, oder auf das Subject des Satzes zu beziehen 
ist, was vorzugsweise aus dem Gegensatze ersicht- 
lich wird, den ipse unter den Gegenständen aufstellt : 
Artes se ipsae tuentur. — Se ipsos omnes diligunt. 
— Multi sibimet ipsis maxime placent. — 

Wenn aber ein und derselbe Gegenstand gram- 
matisches Subject und näheres Object ist, so wird 
in der Regel ipse mit dem Subject construirt , auch 
wenn der Gegenstand nicht als solches (als Subject), 
sondern als Object durch ipse andern Gegenständen 
gegenüber gestellt werden sollte: Ad fam. 4, 8, § 1. 
Non ita abundo ingenio, ut te consoler, cum ipse 
me non possim! — 

Aehnlich findet sich ipse attributiv mit dem Sub- 
ject construirt, wo es eigentlich als genit. des Be- 
sitzes mit dem poss. reli. suus verbunden werden 
sollte: Ut ferro ipsi suo caderent. — 

Anm. 5. Et ipse ertheilt zwei Gegenständen ein und 
dieselbe (attributive oder prädikative) Bestimmung, 
gerade wie umgekehrt et idem einem Gegenstande 



zwei Bestimmungen zuspricht: Victor ex Volscis in 
Aequos transiit, et ipsos bellum molientes. — 

Anm. 6. Endlich ist im lateinischen Sprachgebrauch 
die attributive Anwendung von ipse bemerkenswerth, 
wo wir uns im Deutschen der adverb. Bestimmungen : 
bloss, eben, gerade, nur, bedienen: Cato mortuus est 
annis octoginta tribus ipsis ante Ciceronem con- 
sulem. — 

Allgem. Bemerkung. 1) Die genit. mei, tui, sui, 
nostri und vestri sind substantivisch gebildet von 
dem entsprechenden pron. poss., also genit. eines 
subst. abstr.: meum (das Meine, oder mein Wesen), 
tuum etc. ; sie bezeichnen demnach eine geistige, un- 
trennbare Einheit, und besonders dürfen sie, wenn 
sie das einheitliche geistige Wesen einer Mehrzahl 
durch nostri und vestri zusammenfassen, nicht ver- 
wechselt, noch überhaupt zusammengestellt werden 
mit dem eine sinnliche Mehrheit partitiv darstellen- 
den wirklichen genit. plur. der pron. pers. der ersten 
und zweiten Person, nostrum und vestrum: nostri 
melior pars animus est. — Hingegen: Vestrum alii 
mihi placent, alii displicent. ~ Und so tritt überall 
nostrum und vestrum ein, wenn eine Mehrheit als 
eine sinnliche aufgefasst wird : Recordamini, quantus 
consensus vestrum fuerit. — Frequentia vestrum. — 

Allgem. Bemerkung. 2) Die sogenannten pron. poss. 
werden mit Unrecht zu den eigentlichen pron. ge- 
zählt, indem sie nur von den pron. pers. abgeleitete 
Eigenschaftswörter zur Bezeichnung des Besitzes sind, 
die die Stelle eines (im Lateinischen mangelnden) 
Eigenthumsgenit. des pron. pers. vertreten. Die spe- 
cielle Anwendung des pron. poss. refl. hat oben bei 
dem pron. pers. refl. ihre Erklärung gefunden; im 
Uebrigen ist über den Gebrauch des pron. poss. noch 
Folgendes zu bemerken: 

a. Ergibt sich aus dem Gedankengange schon von 



.* 



— 52 — 



selbst, auf wen ein Besitz zu beziehen ist, so bleibt 
im Lateinischen das betreffende poss. weg. 

b. Hält man hingegen die nachdrückliche Betonung 
des Besitzers durch das pron. poss. allein nicht für 
genügend, so kann auch noch ein ausdrücklicher 
genit. des Eigenthums hinzutreten, 

und die Identität des Besitzers wird in solchem 
Falle (§ ) durch den entsprechenden genit. von 
ipse hervorgehoben. 

c. Kein Bedenken hat es für die deutsche Sprach- 
auifassung, dass der Lateiner dem attributiven pr. 
poss. noch anderweite attrib. (Zahlwörter, Eigen- 
schaftswörter etc.) beifügt: tres tui libri. — 

und nur die Beifügung einer Negation in Form 
eines Atti'ib. neben dem poss. hat für uns etwas 
Fremdartiges: nuUus mens Über, kein Buch von 
mir. — 
IL Die pron. demonstr. bezeichnen an der Stelle des 
betreffenden Hauptwortes im Satze denjenigen Gegenstand, 
von welchem man spricht; sie vertreten daher die soge- 
nannte dritte Person des pron. pers. Auf diese dritte 
Person (allgemeiner und richtiger: auf den besprochenen 
Gegenstand) kann aber der Darsteller mittelst des in 
verschiedener Form vorhandenen demonstr. in wechseln- 
der Betonung hindeuten, und zwar zunächst durch das 
pr. dem. 

1) is, ea, id, welches auf einen im Vorhergehenden 
bereits genannten, oder auch auf einen im unmittelbaren 
Verfolge des Satzes sogleich näher zu bezeichnenden 
Gegenstand am allgemeinsten hinweist, ohne eine beson- 
dere Beziehung des Darstellenden zu dem fraglichen Gegen- 
Stande hervorzuheben: 

a. rückbezüglich auf ein Vorhergegangenes; 

b. hindeutend auf ein Folgendes. 

Anm. 1. Sollte im einfachen und einfach zusammen- 
gezogenen Satze ein schon genannter Gegenstand 
noch ein Mal mit einer Präposition wiederholt ge- 



— 53 — 



nannt werden, so lässt man das Hauptwort entweder 
ohne Ersatz weg, als leicht zu ergänzen : in Verr. 4, 
20: üt non conferam vitam neque existimationem 
tuam cum illius ; 

oder m.an wählt das dem. is oder hie: Nullam vir- 
tus aliam mercedem desiderat praeter hanc laudis et 
gloriae. — 

Sollte dagegen ein im Hauptsatze bereits genann- 
ter Gegenstand in einem verkürzten Nebensatze oder 
in einem verkürzten (beigeordneten) Hauptsatze 
wiederholt werden, so ist das pron. nicht gestattet, 
und das Hauptwort bleibt, als leicht zu ergänzen, 
weg: 

a. im verkürzten Nebensatze: Necessitatis inventa 
antiquiora sunt quam voluptatis. — 

b. im verkürzten Hauptsatze: Philippus hostium 
manus saepe vitavit, suorum ef!ugere non valuit. — 

Im unverkürzten Nebensatze hingegen wird das 
Hauptwort wiederholt: Nulla est celeritas, quae pos- 
sit cum animi celeritate contendere. — 

Anm. 2. Im durch Unterordnung zusammengesetzten 
Satze vorzugsweise wird auch is, ea, id attributiv 
gebraucht in der Bedeutung: ein solcher, welches 
attrib. dann gewöhnlich durch einen relativen oder 
consecutiven Nebensatz seine Ergänzung erhält: 
Matris stultitia ea est, ut eam nemo hominem ap- 
pellare possit. — Ego is sum, qui fecerim. 

So findet es sich auch im einfachen Satze, hin- 
weisend auf eine vorausgegangene attributive Aus- 
einandersetzung: Rerum Status is est. — 

Anm. 3. Im zusammengezogenen Satze braucht man 
et is, isque, atque is, neque is, et is non, et is qui- 
dem, um einem Gegenstande eine appos. oder ein 
attrib. mit nachdrücklicher Betonung beizulegen: 
Multos habeo libros eosque bonos. — 

Anm. 4. Oefter findet sich is, qui in umschreibenden 
Relativsätzen: Nee audiendus Theophrasti auditor, 



54 — 



— 55 — 



( 



d 



Strato is, qui physicus appellatur. — de or. 2, 12, 
§ 52: Res omnis pontifex maximus refercbat in al- 
bum et proponebat tabulam domi : ii, qui etiam nunc 
annales maximi appellantur. — 

Hieraus erklären sich auch die eingeschobenen 
Sätze, welche sich mit id, quod auf den ganzen In- 
halt des sie umschliessenden Satzes beziehen : p. Rose. 
Qui libere dicat, qui cum fide defendat — id, quod 
in hac causa est satis — non deest profecto. — 

Dieses id, quod wurde dann im Sprachgebrauche 
so sehr stehender Ausdruck, dass es, auch ohne 
einen eingeschobenen Satz zu bilden, unverändert 
bei einem Nebensatz stehen bleibt, wo eigentlich das 
id mit dem Hauptsatze verbunden und construirt 
werden müsste: Liv. 6, 17, 6. Remisso, id quod 
erupturi erant. 
2) idem, eadem, idem (is- dem) behauptet in Bezug 
auf is, ea, id ungefähr eben dieselbe Stellung, welche dem 
pron. pers. refl. gegenüber ipse einnimmt; es hebt mit 
verstärkter Betonung die Identität des Gegenstandes her- 
vor, welchen is ohne eine solche bezeichnet: quidquid 
honestum est, idem est utile. — 
Anm. 1. Da idem ein pron. der dritten Person ist, so 
ist es bemerkenswerth , dass es auch attributiv mit 
einem Prädikat in der ersten und zweiten Person 
verbunden werden kann, um die Identität des Sub- 
jects mit einem schon vorher genannten zu bezeich- 
nen: ad Att. 3, 12, a. A. Tu sedulo argumentaris 
idemque — proponi scribis. — Der Deutsche muss 
in solchen Fällen zu dem zweiten Prädikat eine adverb. 
Bestimmung der Gleichzeitigkeit (zugleich etc.) 
wählen. — 

Anm. 2. Auch zu einem besprochenen Gegenstande 
kann idem in attrib. Gebrauche hinzutreten und zwai* 
in doppelter Weise: 

a. idem verbindet mit einem Gegenstande ein 
neues Prädikat, m welchem Falle man auch das 



erste Prädikat in einen relativen Nebensatz setzen 
kann (besonders wenn zwischen den beiden Prädi- 
katen ein scheinbarer Widerspruch liegt): 

Multi, qui propter gloriae cupiditatem vulnera ex- 
ceperunt fortiter et tulerunt, iidem omissa conten- 
tione dolorem morbi ferre non possunt. 

b. idem verbindet mit einem Gegenstande ein 
neues attr. (oder appos., zusammengezogener Satz): 
Plato fuit doctissimus atque idem gravissimus. 

Anm. 3. Häufig tritt zu idem ein zweites demonstr.: 
idem ille, hie idem, iste idem, da idem dann nur 
die Identität der durch das andere demonstr. be- 
zeichneten Person hervorhebt (aber nicht zu is, da 
is schon in idem ruht), 

und ebenso kann es auch attributiv zu dem relat. 
(im Nebensatze) treten: de off. 1, 7, § 20: benefi- 
centia, quam eandem benignitatem appellari licet. — 

Anm. 4. Dichter gebrauchen idem auch zu Verglei- 
chungen, indem sie den verglichenen Gegenstand im 
dat. beifügen (gi'iechische Construction). 

Ebenso in der spätem Prosa, 
und in der Kaiserzeit war dafür idem cum (aliquo) 
Sprachgebrauch (Quinctil. und Tacit.). — 

Die gute Prosa (Cic.) bedient sich statt dessen der 
elliptischen Satzfügung: idem atque. 
3) iste, ista, istud ist das öeixTixcog verstärkte is und 
bezeichnet den im Bereiche der zweiten oder ange- 
redeten Person (liegenden) befindlichen Gegenstand ; hier- 
aus ergiebt sich die vorzugsweise Anwendung desselben 
im täglichen Leben, im Briefstil, sowie in der gericht- 
lichen Beredtsamkeit , also in allen den Fällen, wo sich 
der Redende mit einer zweiten Person über einen auf 
diese zunächst sich beziehenden Gegenstand ins Benehmen 
zu setzen ptiegt: scis me, inquam, istud idem sentire. — 
Anm. 1. Da im gerichtlichen Gebrauche der Redner 
seinen Gegner stets mit iste zu bezeichnen pflegt, 



i 



56 — 



57 — 



:&4\ 



f 




so erklärt sich hieraus der bisweilen veräcHtliche 
Nebenbegriff dieses pron. 
Anm. 2. Rednerisch ist es, einen Gegenstand als einen 
in die dialogische Behandlung fallenden durch iste 
zu bezeichnen, der als ein neu hereingezogener durch 
ein pron. demonstr. der dritten Person zu bezeichnen 
wäre: Animi est ista mollities, non virtus, inopiam 
ferre non posse. — Praeclarum est istud Apollinis 
praeceptum : nosce te ipsum. Hier liegt überall still- 
schweigend die Voraussetzung zu Grunde, dass der 
Gedanke einer zweiten (angeredeten) Person gegen- 
über ausgesprochen ist. — 
4) hie, haec, hoc und ille, illa, illud setzen den durch 
sie bezeichneten Gegenstand in unmittelbare Beziehung 
zu dem Redenden selbst (ziehen ihn also in den Bereich 
der ersten Person). ~ Hie bezeichnet stets das räumlich, 
zeitlich oder geistig dem Darsteller näher stehepde: hi 
anni, die jüngst verflossenen Jahre; hie Scipio Africanus 
Minor (weil er der Zeit des Cic. noch nahe stund). — 
Hie hingegen bezeichnet den dem Darsteller räumlich, 
zeitlich oder geistig ferner stehenden Gegenstand: Ex 
Pento Medea illa. — 
Anm. 1. Auf ein Folgendes kann hie also nur hin- 
weisen, wenn dieses als ein räumlich oder zeitlich 
unmittelbar dabei Befindliches erscheint: verba haec 
sunt. 

Aus demselben Grunde kann man mit hie auf einen 
attributiven Nebensatz nur dann hinweisen, wenn 
dieser ein schon Bekanntes, ein gleich- oder vor- 
zeitiges Faktum darstellt: in bis libris, quos de di- 
vinatione edidi. — Non solum eas civiles dissensiones, 
quas audistis, sed has, quas ipsi vidistis. 

Hingegen steht is, qui, wenn der Nebensatz mit 
qui etwas, in Beziehung auf das is erst noch Zukünf- 
tiges angibt: Non est tibi bis solis utendum judiciis 
qui nunc sunt hominum, sed iis etiam qui futuri 
sunt. — 



Aehnlich wie mit den Attributiv-Nebensätzen ver- 
hält es sich auch mit den Nebensätzen der Folge: 
Nos omnes hi sumus, ut sine his studiis vitam nul- 
lam esse ducamus. — 

Anm. 2. Im umgekehrten Falle zu Anm. 1. kann ille 
nicht mit dem praes. histor. verbunden werden, da 
nur hie auch in diesem Falle zur Bezeichnung des 
Gegenwärtigen erlaubt ist: Hör. sat. 1, 5, 70: Pror- 
sus jucunde coenam produximus (nicht producimus) 
illam. 

Anm. 3. Aus dem Gebrauche von hie und ille geht 
auch hervor, warum das erstere den wichtigeren, das 
andere den unwichtigeren Gegenstand zu bezeichnen 
pflegt, denn das Wichtigere steht uns immer näher, 
als sein Gegentheil, mag es auch räumlich oder zeit- 
lich das Entferntere sein. 

Anm. 4. Besonders gerne weist der Rom. Redner auf 
bekannte und berühmte Persönlichkeiten vermittelst 
ille hin, weil und wenn sie demselben räumlich, zeit- 
lich oder geistig ferne (und höher) stehen. 

Hiernach lässt sich dann von einer lebenden Be- 
rühmtheit recht wohl sagen: hie est ille (so auch 
hoc est illud, Liv. praef. § 10). — ad Attic. 1, 18, 
3: instat hie nunc ille annus egregius. — 

Anm. 5. Häufig erfährt ille (is) eine Beschränkung 
durch quidem, wodurch an dem Ruhme der citirten 
Person das Eine (mit ille) zugestanden, ein Anderes 
aber (mit sed) in Abrede gestellt wird : optimis illis 
quidem viris, sed non satis eruditis. — 

Anm. 6. Als eine lateinische Lieblingswendung be- 
achtenswerth ist die Wiederholung desselben pr. dem. 
in verschiedenen Constructionen innerhalb ein und 
desselben Satzes: De hoc hujus generis acerrimo 
aestimatore. — Eam laudis viam, quam majores ejus 
ei tritam reliquissent. — Evolve diligenter ejus eum 
libmm, — Omnes hoc in hac causa intelligunt. — 



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— 59 - 



f 

I 



Bei Plaut.: ad hunc modum haec hie quae futura 
fabulor. — 
Anm. 7. Ein pron. dem., das als selbstständiger Satz- 
theil einen Gegenstand bezeichnet, kann in demsel- 
ben Satze entweder selbst wiederholt oder durch ein 
verwandtes pron. ersetzt werden, wenn die Rede 
durch einen eingeschobenen oder Nebensatz unter- 
brochen war, um so den Faden des Hauptsatzes mit 
verstärktem Nachdruck wieder aufzunehmen: Illum 
complexi, ut mos amicorum est, satis cum longo 
intervallo ad suam villam reduximus. — Illud, quod 
supra scilpsi, id tibi confii^mo. — 

Aehnlich verhält es sich mit der wiederholenden 
Aufnahme des relat. durch ein demonstr.: de legg. 
3, 2, § 5 : Noster vero Plato Titanum e genere sta- 
tuit eos, qiii, ut illi coelestibus, sie Ja adversentur 
magistratibus. — 
Anm. 8. Das betheuernde nae oder ne, an der ersten 
Stelle des Satzes, liebt es vorzugsweise, ein pron. 
demonstr. oder pers. unmittelbar an sich zu ziehen : 
nae ille, etc. — 
III. Das pron. relat. qui, quae, quod gehört ausschliess- 
lich in den untergeordnet zusammengesetzten Satz, wo 
es einen Nebensatz in Form eines Attributs zurückbe- 
zieht entweder auf ein Hauptwort oder auf ein pron. 

demonstr. 

Neben diesem eigentlichen relat. besitzt die lateinische 
Sprache noch eine gewisse Anzahl von Eigenschaftswör- 
tern und Umstandswörtern, denen eine gewisse demon- 
strative Kraft schon vermöge ihrer Zusammensetzung inne 
wohnt. Diesen steht eine entsprechende Zahl Wörter der- 
selben Art gegenüber, in deren Zusammensetzung das 
pron. relat. unverkennbar enthalten ist. Der zwischen 
beiden Wortarten bestehende Zusammenhang wird die 
correlatio genannt, durch welche die Nebensätze des At- 
tributs eine noch ausgedehntere Anwendung erhalten: 
tantns — quantus, tot — quot, toties — quoties. — 



Anm. 1. Aehnlich wie bei den demonstr. liebt der 
Lateiner auch die relativen Häufungen: Com. Nep, 
Timol. 2, 2: Ut oculis cerneretur, quem et ex quanto 
regno ad quam fortunam detrusisset. — 
Anm. 2. Nicht selten wird das rel. mit dem Worte, 
auf welches es sich bezieht, nicht nach dessen wirk- 
lichem Geschlechte etc., sondern ad synesin constru- 
irt: Cic: Archias poeta est ex eo numero, qui sem- 
per apud omnes sancti sunt habiti. — Amicitia est 
ex eo genere, quae prosunt. — 
Anm. 3. Ein Hauptwort kann als appositio, mit dem 
demonstr. oder relat. an einen vorhergegangenen Satz 
anknüpfend, den Gedankengang fortsetzen, wo man 
zunächst statt der attributiven Verbindung des pron. 
dieses in einer ganz anderen Stellung (genit. mit 
oder ohne Hauptwort) erwarten würder Omnes lau- 
dant fortunas meas. Hac fama impulsus Chremes 
ad nie venit. — Metellus agros vastat etc. Ea for- 
midine multi dediti sunt obsides. — Per idem tem- 
pus adversum Gallos male pugnatum, quo metu Italia 
eontremuerat. — 
Anm. 4. Quicum locutus est? (p. Rose. 27, 74). — 
IV. Die pronom. indef. haben die Bestimmung, die 
Einheit eines Gegenstandes nicht als Zahl, sondern als 
mehr oder weniger scharf umrissene Erscheinung der Ge- 
sammtheit der Gegenstände gegenüber darzustellen. Durch 
jedes pron. indef. wird ein Gegenstand aus der Gattung, 
zu welcher er gehört, herausgegriffen und als ein Ein- 
zelwesen hingestellt; je nach der Wahl des attributiv 
beigefügten indef. erscheint aber dieses so individualisirte 
Einzelwesen in mehr oder weniger scharfen Umrissen. 
Die Stufenleiter, in welcher diese individualisirende Kraft 
des indef. sich darstellt, ist folgende: 

1) quis, qua, quid und qui, quae, quod sind das pron. 
interr. quis und das pr. relat. und interr. qui, übertragen 
angewandt zur allgemeinsten und unbestimmtesten Bezeich- 
nung einer Individualität; denn diese ist meiner Vorstel- 



- 60 — 



— 61 



#1 



H 



lang nothwendiger Weise noch am unklarsten bei einem 
Einzelwesen, nach dessen Existenz ich mich gewisser- 
massen erst mittelst quis und qui erkundigt habe. Als 
ursprüngliches Fragewort steht das indef. quis und qui 
am liebsten nach Fragewörtern, wie: num, ubi, quando, 
und dann übertragen in Nebensätzen der Weise etc. nach : 
si, nisi, ne, quo, quanto. 
Anm. 1. Eine Unterscheidung zwischen dem Gebrauche 
von quis als einem mehr substantivischen, und qui als 
einem mehr adjecti vischen indef. lässt sich nicht 
durchführen, vielmehr können beide substantivisch 
gebraucht werden, qui allein aber auch adjectivisch: 
si quis rex, si qui rex. — 
Anm. 2. Nach dem definirenden Werthe von quis be- 
stimmt sich derjenige des davon abgeleiteten quando. 
2) aliquis (und aliqui) stellt als compositum sein Sim- 
plex quis und qui der Existenz nach in Frage, ohne es 
irgend anders zu individualisiren : überhaupt wer, über- 
haupt welcher (falls es einen solchen wer und welcher 
gibt). Aliquis wird substantivisch und adjectivisch, aliqui 
rein adjectivisch gebraucht: Cum frumentum imperarem, 
cum Stipendium cogerem, cum aliquid (überhaupt was) 
denique reipublicae causa gerer em. — So stellt zumal 
das attributive aliquis sein Hauptwort seiner Existenz 
nach in Frage, während es quis nur der Art nach unbe- 
stimmt lässt : si se aliqua vi eripuerit , stellt die ge- 
schehene Gewaltthat überhaupt in Abrede ; qua vi würde 
blos die Art der vis ungewiss lassen. Ist also im Haupt- 
wort keine Art zu unterscheiden möglich, so kann auch 
nur allein aliquis stehen: si aliquam manum contra po- 
pulum Rom. facere potuisset. — 
Anm. 1. Dieselben Bestimmungen gelten für den Ge- 
brauch des von aliquis abgeleiteten aliquando. 
Anm. 2. Da das »überhaupt wer« im lateinischen 
aliquis nur bejahenden Sinn in sich trägt, kann ali- 
• quis und aliquando auch nur in affirmativen Sätzen 
gebraucht werden (wofür in negativen Sätzen quis- 



quam, ullus und unquam, § eintritt). Dennoch 
findet es sich bisweilen auch in negativen Sätzen: 
de rep. 2, 1 : Neque ullum ingenium tantum exsti- 
tisse dicebat, ut, quem res nulla fugeret, quisquam 
aliquando fuisset. — Milites neque ex pristina vir- 
tute remittendum aliquid putaverunt. — 
Anm. B. Häufig hat aliquis als Subst. eine appos. bei 
sich : artifex aliquis. Einer als Künstler (da er auch 
Gelehrter etc. sein könnte); Cic. Brut. § 185: mu- 
sicus aliquis. 
Anm. 4. Unus aliquis. — 
Anm. 5. De fin. 2, 19: Tres aliqui aut quatuor, etliche 

3 oder 4. — 
Anm. 6. Dixerat aliquis (Mancher) leniorem senten- 

tiam, ut Marcellus. 
Anm. 7. Alius aliquis: div. in Caecil. 6, §22; ad 
Att. 3, 10; p. Sest. 24, 53; de invent. 2, 19 (25, 
33); ad Att. 3, 16 etc. 

Alius quis, de nat. d. 2, 44, § 115; de fin, 2, 32, 
§ 104. - 
3) quisque und unusquisque. Quisqüe bedeutet einen 
quis, so oft es sich gerade trifft ; die Unbestimmtheit des 
Individuellen theilt es also mit quis, und bezeichnet die- 
sen »wer« als einen unter allen Umständen zulässigen: 
doctus quisque, ein jeder Wer (ein Jedesmaliger), der 
gelehrt ist. — Daraus abgeleitet bezeichnet unus quisque 
einen einzelnen als einen indifferenten »wer«: der Eine 
wie der Andere, welcher es gerade ist, — und so ist 
quotusquisque der wie vielte jedes Mal, d. h. wie oft oder 
wie selten er vorkommen mag. 
Anm. 1. Aehnlich wie wir schon bei den demonstr. 
beobachteten, liebt der Lateiner auch bei quisque 
die Wiederholung in verschiedener Satzstellung : Sta- 
tuere, quid quemque cuique praestare oporteret. — 
Anm. 2. Besonders gerne braucht der Lateiner sein 
quisque in Verbindung mit einem superlat. : doctis- 
simus quisque, und mit einem numer. ordinale, 



1« 



I 



— 62 — 



- 63 



und so auch beim subst. neutr. plur., 
sowie bei plur. tantum, 

während sonst quisque nur bei Späteren in dieser 
Verbindung im plur. vorkommt. 
Anm. 3. In Verbindung mit einem pr. pers. und poss. 
reflex. steht quisque stets hinter diesem, auf welchem 
seinem ganzen Gebrauche entsprechend stets der 
Hauptnachdruck ruht : Jug. 1 . Suam quisque culpam 
auctores ad negotia transferunt. 

üebrigens kann das reflex. des Nachdrucks wegen 
auch an die letzte Stelle treten : Id maxime quemque 
decet, quod est cujusque maxime suum, 

und im untergeordnet zusammengesetzten Satze 
endlich steht quisque stets vor dem reflex., wenn es 
zugleich Subject im Neben- wie im Hauptsatze ist: 
Quanti quisque se faciat, tanti fiat ab amicis. — 
, Anm. 4. Die Stellung des quisque nach dem reflex. 
ist eine im Lateinischen so feststehende, dass es in 
dieser Verbindung bisweilen ganz als indeclinabile und 
ausser Zusammenhang mit der übrigen (lonstruction 
des Satzes erscheint: Sali. Jug. 18: Multis sibi quis- 
que imperium petentibus. — Omnes, vclut dis auc- 
toribus in spem suam quisque acceptis, - proelium 
poscunt. — 
4) quispiam, quilibet, quivis, quicunque und quisquis 
im bejahenden, quisquam und uUus im verneinenden 
Sinne. Alle diese Wörter bezeichnen die Gleichgültigkeit 
des Darstellers gegen die Person des durch sie indivi- 
dualisirten Wesens: quis-quam, wer wie; qui-libet, wer 
gefällt; qui-vis, wer du willst; qui-cunque und quis-piam, 
wer immer hin; ullus ist das deminutiv, von unus, wenn 
es nur Einer (ein Einerchen) ist. — 
Anm. 1. Die bejahenden quispiam etc. stehen wie 
aliquis bisweilen auch in negativen Sätzen : in Verr. 
1, 21, § 56: Vereor, ne haec forte cuipiam nimis 
antiqua videantur. — Lael. 11, § 39: Nego esse 
quicquam a testibus dictum, quod aut vestrum cui- 



piam esset obscurum, aut cujusquam oratoris elo- 
quentiam quaereret. — Umgekehrt steht quisquam 
und ullus auch in rein affirmativen Sätzen, besonders 
der Bedingung; der Darsteller giebt hier mit ihnen 
nachdrücklicher zu, dass der gesetzte Gegenstand ein 
möglicher ist, von dem er auch die Möglichkeit der 
Nicht-Existenz zugibt: si erit ulla res publica, — 
sin erit nuUa. — Si quisquam est, — is ego sum. 

— Si Ulla mea apud te commendatio valuit, haec 
ut valeat, rogo. — Cuivis potest accidere, quod cui- 
quam potest. — 

Anm. 2. Unter diesen negativen indef. ist quisquam 
rein substantivisch, 

ullus hingegen rein adjectivisch. 

Für das substantivische quisquam kann aber ullus 
eintreten : 

a. im numer. pl., 

b. für das femin. im nom. acc. und abl. singul., 

c. für das mascul. im abl. singul. (besonders im 
abl. temporis etc., dem sogenannten abl. absol.). 

Anm. 3. Die verneinende praepos. sine hat in der 

Kegel das verneinende ullus attributiv bei ihrem 

Hauptwort. 
Selten tritt hierfür das attributive aliquis ein: 

Caesar 3, 73: sine aliquo vulnere. — Non sine ali- 

qua spe. — 

Vorklassisch ist hingegen: sine omni spe etc. — 
Non ullus (unquam) siehe divin. in Caec. 18, § 60. 

— Ad fam. 10, 18, 2. 6, 9. — 

Anm. 4. Dem negativen Gebrauche von quisquam ujid 
ullus entspricht das adverbiale unquam und usquam. 

Anm. 5. Quivis und quilibet unus. 

Anm. 6. Quisquis und quicunque bilden im einfachen 
Satze den Ersatz für einen ausgelassenen Nebensatz 
der Weise: Liberos suos quibusquibus Komanis 
mancipio dabant. 

5) Quidam bezeichnet einen Gegenstand als einen ein- 



VI 



64 - 



65 



1= 



'I 



zelnen und fest individualisirten , und ersetzt verschwei- 
gend und ablehnend den besondern Namen dieses Indi- 
viduums: mulier quaedam. 
Anm. 1. Weil quidam den Namen des Individuums 
verschweigt, dient es oft, um eine Art aus der Gat- 
tung hervorzuheben: musicus quidam (im Gegensatz 
zu andern Musikern). — Da nun so durch quidam 
der Sinn der Art im Gegensatz der Gattung gegeben 
ist, so rührt daher der Gebrauch, durch dasselbe den 
Umfang eines Begriffes vergleichend (oft gemein- 
schaftlich mit quasi) zu beschränken, oder eine an- 
nähernde Aehnlichkeit (im vergrössernden oder ver- 
kleinernden Sinne) durch dasselbe auszudrücken: 
Eloquentia est bene constitutae civitatis quasi alumna 
quaedam. 

und in ähnlicher Anwendung bezeichnet dann qui- 
dam umschreibend ein sogenanntes Unbeschreibliches, 
d. i. Ausgezeichnetes : incredibilis quaedam magnitudo. 
Anm. 2. Quidam verstärkt: certus quidam. 
6) Alius und alter. Alius ist ein anderer (beliebiger) 
von derselben Art, alter ist der andere oder zweite 
(bei der Ausschliessung des einen oder ersten noth- 
wendige) von derselben Art ; will man im letzteren Falle 
den einen von den beiden als einen (unter beiden) be- 
liebig welchen hinstellen, so geschieht dies durch alter- 
uter: Necesse esse alterutrum vincere. — 'Sehr charak- 
teristisch für den Gebrauch des alius ist folgender Satz: 
Liv. 4, 41, 8: Eo missa plaustra (mit angespannten 
Thieren nämlich) jumentaque alia (i. e. nicht angespannte 
Zugthiere). — 
Anm. 1. Ueberall, wo man nur zwei Gegenstände ver- 
gleicht, und dem ersten oder einen den andern oder 
zweiten gegenüber stellt, steht alter, wenn auch 
streng genommen die Vergleichung nicht auf blos 
jenen zweiten oder andern sich erstreckt, sondern 
auf alle Gegenstände derselben Art auszudehnen 
wäre: alter Nero, ein Zweiter, dem Nero ähnlicher 



Tyrann (ohne Rücksicht auf alle andern , bei denen 
eine solche Vergleichung auch noch statthaft wäre, 
während alius Nero einen zweiten Nero in einer Art 
oder. Gattung von Tyrannei bedeutete). - Qui me 
alter est audacior homo ? - Hos libros alteros quin- 
que tibi mittemus (blos mit Rücksicht auf die erste 
Lieferung von 5 Büchern, ob nun auf die neue 
zweite eine dritte folgen mag oder nicht). — 
Anm. 2. Aus dem unter Anm. 1. Bemerkten ergibt 
sich, warum alter beim Zählen stets der zweite ist 
(mit blosser Rücksicht auf den vorausgegangenen 
ersten): alter ab decimo = 12te; alter ab undecimo 
= 12te (wobei 11 selbst als der erste gezählt wird); 
altero vicesimo die, am 22. Tage. — Nmna rex alter 
ab Romulo. - 
Anm. 3. Auch von diesem pron. liebt der Lat. den wieder- 
holenden Gebrauch, als verschiedenen Satztheil inner- 
halb ein und desselben Satzes : aliud aliis placet. -— 
Liv. 1, 21, b. : Duo deinceps reges, alius alia via, 
civitatem auxerunt. - - So auch alter-alter. 
Anm. 4. Da der Gebrauch von alter auf dem Gegen- 
satze zweier verglichenen Gegenstände beruht, so 
widerspricht es dem nicht, wenn es im num. plur. 
von zwei einander entgegengesetzten Parteien gesagt 
wird. 
Anm. 5. Statt alter-alter auch: uter (als indef.) -— 

alter. — 
7) Uterque, utervis, uterlibet, ambo. — Ambo (beide) 
nennt zwei als in Zeit und Raum neben einander be- 
findlich: Eteocles et Polynices ambo perierunt. — Uter- 
que nennt beide einzeln gedacht, und bezeichnet den 
einen davon nach Verhältniss der Sache, nicht nach sul)- 
jectivem Belieben. 

Utervis und uterlibet nennen die Beiden einzeln nach 
dem subjectiven Belieben des Darstellers: qui utramvis 
norit, ambas noverit. — 
Anm. 1. Aehnlich wie oben alter, § steht uterque 

5 



Wfr/flS 



— 66 ~ 



«7 





in, der Mehrzahl, wenn die beiden Gegenstände, auf 
welche es sich bezieht, eine Mehrheit in sich fassen 
oder nur in dieser vorhanden sind; 

und so auch bei subst. plural. tantum: utraque 
castra. — 

Ungewöhnlich hingegen ist die Mehrzahl, auf Ge- 
genstände der Einzahl bezogen: Caes. 1, 53: Duae 
fuerunt Ariovisti uxores; utraeque in ea fuga perie- 
runt. — 

Amn. 2. Uterque tritt als attrib. zu den Gegenständen, 
von welchen es die Theilung ausspricht: uterque 
exercitus. — Einem andern pron. gegenüber behaup- 
tet es hingegen stets seine substantivische Bedeu- 
tung und nimmt dieses zweite pron. (als das be- 
sitzende Ganze, von dem es die Theilung vornimmt) 
im genit. des Eigenthums zu sich : uterque vestrum. — 

Anm. 3. Uterque alter, die beiden andern. 

Anm. 4. Bei Liv. findet sich bisweilen quisque an der 
Stelle von uterque (wie unten § quis an der Stelle 
von uter). — 

8) Nemo und nihil sind subst., nullus ist ein adj. Alle 
drei verneinen eine unbegrenzte Zahl von Gegenständen 
derselben Art. - Neuter verneint ausschliesslich nur in 
der entgegengesetzten Zweiheit genannte Gegenstände. — 

Anm. 1. Nullus tritt substantivisch an die Stelle von 
nemo: 1) im num. plur. 

2) im genit. sing. 

3) bisweilen im abl. sing., fast ausschliesslich nur 
in Verbindung mit dem substantivischen partic. praes. 
act.: nullo monente. Hingegen nemine oft beim 
part. pf. pass.: Tac. A. 16, 27. Suet. A. 45. Nero 
47. So auch: nemine obvio, Suet. Vitell. 17. nemine 
conjectante, Aug. 95. — Suet. Tit. 7. Tac. H. 2, 
47. — 

9) Reliqui und ceteri bezeichnen Alles, was ausser dem 
bereits Genannten von der ganzen Art noch übrig ist; 
während aber ceteri (als y-al eTeQoc) dieses noch Uebrige 



nennt, ohne seine materielle Ausdehnung und Zähl be- 
sonders ins Auge zu fassen, bezeichnet es reliqui aus- 
drücklich mathematisch als den ßruchtheil zu dem bereits 
Bekannten: der Rest. So kann z. B. das mit Zahlen 
benannte Uebrige schlechthin nur durch reliquus bezeich- 
net werden: tres reliqui. -- In reliqua Graecia nemitiiem, 
Athenis unum accepimus. — 

10) Für das deutsche pron. indef. »man« (ursprüng- 
hch das ohne Artikel gebrauchte Hauptwort), besitzt die 
lateinische Sprache keinen entsprechenden Ausdruck; sie 
fasst daher entweder den Satz persönlich: 

a. durch die im verbum ruhenden pron. pers. der erstel 
Person: si volumus, etc.; 

der zweiten : existimaris, si vis ; 
der dritten: tradunt etc. 

b. durch ein anderes der bisher genannten pron. indefin.: 
jam hie dicat aliquis; 

oder sie gibt dem Ganzen eine unpersönliche Form: 

a. durch ein verb. impers.: videre licet, etc. — 

b. durch die 3 pers. sing, generis pass. : bene vivitur. — 
V. Die pron. interrog. stellen die Frage nach einem 

mehr oder weniger unbekannten Gegenstande; sie sind 
entweder reine interrog., wie quis (mit den abgeleiteten) 
und uter, oder relativa : qui mit seinen derivatis. 

1) quis? quid? fragt substant. nach der Person (Sache). 

Anm. 1 . Häufig hat das substantivische quis ein Haupt- 
wort als appos. bei sich : quis populus, quis rex un- 
quam hoc fecit? 

Auch attributiv? 

Anm. 2. Nacli dem inneren Wesen, dem eigeuÜichen 
Begriffe eines Gegenstandes fragt man mit quid: 
Quid est Dens? 

Anm. 3. Häufig stellt quid eine abgebrochene, soge- 
nannte rhetorische Frage. 

2) Numquis stellt die Frage nach der Person verneint; 
quisnam fragt mit Ungeduld; ecquis (en-quis) fragt er- 
munternd: wohlan (en), ifet Jemand? 



m 



5* 



- 68 — 



— 69 




I 



3) Uter, utra, utrum fragt nach Einem von zwei be- 
stimmten (von Beiden), während quis die bestimmte Per- 
son , ungewiss unter einer wie grossen Menge, sucht: 
Quinctil. 7, 4, § 21 : Quaeritur ex duobus uter dignior, 
ex pluribus quis dignissimus. — 

Anm. Selten steht quis an der Stelle von uter: ad 
Attic. 16, 14: ut, quem vis, nescias (von Octav. und 
Anton.). — Caes. G. 5, 44: Pulfius et Varenus inter 
se controversias habebant, quis anteferretur. — Häu- 
fig so bei Liv. — 

4) qui, und verstärkt ermunternd ecqui fragt adjecti- 

Tisch. 

♦ 

Anm. 1. Doch steht auch qui substantivisch (statt 
quis), wenn nach einem schon bekannten Gegen- 
stande gefragt wird : Themistocles domino navis, qui 
Sit, aperit. — Occiso Sex. Roscio , qui primus Ame- 
riam nuntiat? — 

Anm. 2. Nescio quis (qui, quo modo, quo fato, qua 
ratione etc.). 

5) qualis fragt nach dem Inhalte, quantus nach dem 
Umfang eines Begriffes, quotus und quotusquisque, quot 
und quoteni etc. fragen nach den betreffenden Zahlen- 
verhältnissen eines Gegenstandes. 

VI. Der Ausdruck der Gegenseitigkeit des Verhaltens 
zwischen mehreren Gegenständen oder der Wechselwir- 
kung mehrerer Gegenstände auf einander kann im La- 
teinischen auf mehrfache Weise bezeichnet werden: 

1) Durch Wiederholung desselben Hauptwortes : manus 
manum lavat. — 

2) Durch Wiederholung desselben Fürwortes : Uter utri 
virtute praeferendus videretur. — Cum uterque utrique 
exercitus esset in conspectu. — Duo fratres alter alteri 
subvenerunt. — Neuter neutri favet. — 

3) Durch eine örtliche Auffassung mittelst des pron. 
reflex. : Aristides et Themistocles obtrectarunt inter se. 

Anm. 1. Ungewöhnlich ist der Gebrauch des demonstr. 
is, wo die Gegenseitigkeit durch das reflex. bezeichnet 



werden sollte: de legg. 1, 7, § 23: Quibus autem 
haec sunt inter eos communia, civitatis ejusdem 
habendi sunt. — 
Anm. 2. An die Stelle des refl. tritt bisweilen ipse: 
Hominum inter ipsos societas. — Diess ist dann 
nicht mit dem Falle zu verwechseln, wo es die Stelle 
des pron. dem. vertritt: Gloriae maximum certamen 
inter ipsos (statt eos) erat. — 
Schlussbemerkung. Das Neutr. eines pron. kann eigen- 
thümlicher Weise zu jedem Zeitwort als näheres Object 
treten, auch wenn das Verhalten sich im Uebrigen durch 
kein näheres Object zu ergänzen pflegt; dieser acc. er- 
klärt sich aus § und findet sich bei den Schriftstellern : 

1) Statt eines genit.: nihil est (luod me poeniteat. — 

2) Statt eines dat.: quod semper studui. — 

3) Statt eines abl. : non idem gloriari possum. — id 
laetor. — 

4) Statt eines Hauptwortes mit Xnjrwort: haec turpe 
est dubitare philosophos. 



Siebentes Kapitel. 



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Won ber ßejalititig «nb Dernettittng^ un ber £x^t 

A. Die Bejahung und Verneinung. 

Für die philosophische Definition gibt es zwischen Be- 
jahung und Verneinung, zwischen Sein und Nicht-Sein 
kein Drittes; in der Beschränkung endlicher Verhältnisse 
liegen aber zwischen unbedingter Bejahung und unbe- 
dingter Verneinung eine ganze Reihe von Modifikationen 
der Qualität, zu deren Ausdruck die Sprache sich der 




- 7€ 



— 71 — 




sogeDiinuten (|ualitativeii adv. bedient. Die hierbei 
möglichen Fälle sind folgende: 

I. Die Bejahung ist entweder 

1) eine unbedingte, zu deren Ausdriick der luod. iudic. 
des Prädikats genügt. 

der jedoch zur Verstärkung auch noch die adv. qualit. 
aftirm. an sich ziehen kann: profecto. certe, vere; 
oder* 

2) eine bedingte, ausgednickt durch den niod. couj., 
zu dessen Verstärkung man sich der adv. cjualit. dubi- 
tativa bedient: forte, fortasse, forsitan (Dichter.: forsan, 
und vor- und nachklassisch: fortassis). 

II. Die Veni einung einer Sache oder Aussage ist gleich- 
falls entweder 

]) eine unbedingte (faktische, objectivej 

a. durch den indic. mit non; 

b. durch den imper. mit ne (im zusammengezogenen 
Satze fortgesetzt durch neve); 

c. durch die Zusammensetzung der Negationen: non, 
ne, in (welch letzteres sich nur in diesen Zusammen- 
setzungen findet) entweder 

mit einem Hauptworte, 

oder mit einem Eigenschaftsworte, 

oder /eitworte, 

oder Bindeworte, 

oder ümstandsworte. 
Anm. 1. Bei der allgemeinen Verneinung durch non 
wird in der Kegel die ganze Aussage verneint, wo- 
raus sich die regelmässige Stellung dieses adv. vor dem 
Aussagewort (ad verbum) erklärt: non puto, insipien- 
tem beatum esse posse. — ürbs capta non est. — 

Natürlicli kann aber auch ein anderes einzelnes 
Wort im Satze verneint werden : z. B. wenn in 
Vergleichungssätzen nicht die Prädikate , sondern 
andere Begriffe einander vergleichend gegenüber ge- 
stellt werden, so tritt natürlich die Negation vor 
(IftöjeDige verglicliene Wort, dessen Existenz (Vor- 



zug etc.), dem anderen gegenüber, geläugnet werden 
soll: improbus non beatus est, sed miser. — 
Anm. 2. Eine doppelte Negation bejaht im Lateini- 
schen: non possum non (aber nicht im Deutschen). 

Doch giebt es auch im Lateinischen Beispiele der 
klassischen Prosa, wo eine doppelte Negation ver- 
neinende Kraft behält: Verr. 2, 24, 60. Debebat 
Epicrates nuUum nummum nemini. — Plaut, mil. 
glor. 5, V. 18: Jura te non nociturum esse homini 
de hac re nemini. — 

So ne non: Sen. ep. 52, 9: Quidni non permit- 
tam? — 
Anm. 3. Die Stelle von non vertritt öfter das adver- 
bial gebrauchte subst. nihil: nihil moror. — 

Noch häufiger fast vertritt das non ein mit dem 
betreffenden Subject attributiv verbundenes nullus: 
Sextus ab armis nullus discedit. — Haec bona in 
tabulas publicas nuUa redierunt. — 

Dieses nullus an der Stelle von non ist mit dem 
eigentlichen nullus, keiner, e, es, nicht zu verwech- 
seln ; das nullus im ersteren Falle negirt das Prädi- 
kat, obgleich es formal mit dem Subject verbunden 
ist, in welchem Falle es die ganze Aussage 
negativ stellt; im zweiten Falle bleibt die Satzform 
bejahend: Nulla est magna res. — p. Bosc. 19, 
§. 54: Ea praetereas, quae nulla esse concedis. — 

Häufig ist es nun materiell vollkommen gleich- 
gültig, ob non oder nullus dem Satze beigegeben 
wird, indem vielleicht nur in dem null, eine stärkere 
negative Kraft ruht: Auxilium mihi non praebet; 
oder: Nulluni mihi auxilium praebet. — 

Nur in einem Falle ist eine Abweichung hiervon 
zu beachten: Wenn einem Subjecte durch das Prä- 
dikat Sum eine appos. beigelegt wird, so kann die 
Existenz dieser appos. nur durch non in Abrede ge- 
stellt werden, denn das attributive nullus würde hier, 
auf diese appos, bezogen, mit dieser gemeinschaft- 



^*1 



I; 



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— 72 — 

lieh einen neuen engeren Begriff (ein nichtiger x) 
bilden, was dann gegen die Absicht des Darstellers 
einen positiven Gedanken ausdrückte: Marius non 
fuit philosophus. — 

Aber: ad fam. 2, 19. Mihi quaestor optatior ob- 
tingere nemo potuit. — ad fam. 7, 3. Ex eo tem- 
pore vir ille summus nullus imperator fuit. — 
Anm. 4. Es können aber im einfachen Satze recht 
wohl zwei Satztheile negirt werden: Nunquam Sci- 
pionem, ne in minima quidem re, offendi. — Nego, 
ne sapientem quidem in tormentis beatum esse 
posse. — 

Und eben so im zusammengezogenen Satze : Nihil 
est illo mihi nee carius nee jucuudius. - Nego hanc 
rem neque mihi neque tibi gratam esse posse. — 

Bisweilen lassen hier die Komiker die erste dis- 
tributive Negation weg: Ter. Eun. 5, 8, 47. Ad om- 
nia haee (ergänze : nee) magis opportunus nee magis 
ex usu tuo nemo est. Ter. Heaut. 1, 1, 11: 

Agrum in Ins regiouibus (ergänze: neque) meliorem 
neque precis majoris nemo habet. — 
Den unter c. genannten negativen Ausdrücken nun 
wieder nach dem Gesetze in § durch eine zweite Ne- 
gation ihre verneinende Kraft zu benehmen und auf eine 
solche Weise eine doppelte (einfache und doppelt negirte) 
Form der Bejahung zu erreichen, ist eine Lieblings- 
wendung des feinen lateinischen Sprachgebrauchs: non 
ignoro, non suni inscius, non nescio, non sum ignarus, 
non nolo etc. 

Anm. Bei nihil, nullus, nemo, nunquam, nusquam etc. 
bedingt die Stellung der eine Bejahung bewirkenden 
zweiten Negation (non) die Art der daraus resulti- 
renden Position; nachgesetzt fdas Praed. verneinend) 
verwandelt non die allgemeine Verneinung in eine all- 
gemeine Bejahung: nihil non, Alles; nemo und nullus 
non. Jeder; nunquam non. immer; nusquam non, 
überall. — 



- 73 - 

V orangesetzt (die erste Negation verneinend) hin- 
gegen verwandelt non die allgemeine Verneinung in 
eine theilweise Bejahung: non nihil, etwas; non nemo 
(nullus), mancher; non nunquam, bisweilen; non nus- 
quam, irgend wo. — 
Hat man endlieh in einer Satzverbindung die Wahl, 
mit welcher der oben unter e. genannten Wortarten man 
die Negation verbinden will, so weicht hierin der latei- 
nische Sprachgebrauch vielfach von dem Deutschen ab: 

a. beim Hauptwort: nemo (nihil) unquam (usqiiam); 
nondum quisquam; neque quis (quid, quidquam); ne 
quis etc.; 

b. beim Eigenschaftswort: nullus unquam (usquam), 
nunquam ullus, neque ullus etc.; 

c. beim Zeitwort: nego quemquam etc.; 

d. beim Bindewort: neque unquam etc.; 

e. beini Umstandswort: ne unquam (usquam) etc. 

Die Wahl dieser abweichenden Verbindungen entschied 
sich im Lateinischen lediglich durch Streben nach Wohl- 
laut und gefällige Satzverbindung. — 

Anm. Nur sehr selten findet sich et nullus (nihil) etc. 

Beisp. 

2) Die Verneinung erscheint subjeetiv bedingt: 

a. mit der Negation haud, welche die Negation nicht 
als den Objecten inhärirend darstellt, sondern nur als in 
der Seele des Darstellers und dessen Auffassung beruhend, 
wobei dann die Modalität eine unbedingte oder eine be- 
dingte sein kann: haud scio, haud sciam. — 

b. mit der Negation des Wunsches oder der wünschen- 
den Absicht, dass eine Aussage nicht eintreffen möge : ne 
cum eonjunet. 

Anm. 1. Dieses ne wird im zusammengezogenen Satze 
im zweiten und den folgenden Gliedern fortgesetzt 
durch neve oder neque. 

Anm. 2. Non dico (bescheiden: non dieam) schiebt in 
den Satz einen Ausdruck ein, den der Darsteller, als 
einen stärkeren, aus objectiven Gründen unnötbig 



74 



— 75 — 



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f 




findet, indem der schwächere, im Satze selbst ge- 
brauchte, schon genügt; 

ne dicam schiebt einen stärkeren Ausdruck ein, 
über dessen Anwendbarkeit der Darsteller aus sub- 
jectiven Gründen zweifelhaft ist. 

Anm. 3. Nedum, geschweige denn dass, bildet stets 
einen verkürzten Satz. 

Anm. 4. Endlich kann man in jeden Frage- und Be- 
dingungsnebensatz von rein affirmativer Form eine 
indirekte Negation hineinlegen durch die Wahl des 
pron. und der betreffenden adv.: si unquam est 
(Hintergedanke: nunquam est). — Estne ullus? — 

B. Von der Frage und Antwort 

Jede Frage ist ursprünglich hervorgegangen aus dem 
Wunsche, von einem Andern über irgend einen Gegen- 
stand näher belehrt zu werden, und in so fern erwartet 
jede Frage zu ihrer Vervollständigung eine Antwort. Oft 
aber wird die fragende Form des Satzes ohne den Wunsch 
nach Belehrung und ohne Erwartung einer Antwort ledig- 
lich angewandt, um in die Satzfolge und den Gedanken- 
gang mehr Abwechslung und dramatische Lebhaftigkeit 
zu bringen; dieses ist die rednerische Frageform. 

Die Form der Frage kann jedem Satze gegeben wer- 
den: 

I. Durch die blosse Betonung und Wortstellung. 
Anm. Bei unbestimmter Fassung des Ausdrucks steht, 

wie überall, der mod. couj. 

II. Durch fragende Fürwörter (quis, qnalis, uter etc.) 
oder Umstandswörter (loci: ubi, unde etc.; temporis: 
quando etc.; causae: quare, cur, quidni, quin etc. ; modi: 
qui, quam, quantopere etc.). 

Anm. 1. Die relativen Fragewörter stehen gerne ge- 
häuft (cf. § ): uter utri insidias fecit? — 

Anm. 2. Das Fragewort kann verstärkt werden: 
a. durch ne: quisne etc.; 



b. durch nam: quisnam? numnam (Ter. Adelph. 
3, 4, 42); sogar: quianam, warum dennV — 

c. durch tan dem, zur Bezeichnung der ungeduldi- 
gen Erwartung; 

d. durch ut: Quid uti faceretV Quid ut a vobis 
speventV — 

Anm. 3. Das fragende quin beim imper. und autfor- 
dernden conj. ist als elliptische Satzfügung zu be- 
trachten: quin die? = die! quin? (sc. vis etc.) 
III. Durch besondere Fragepartikeln (adverb. interrog. 
im engeren Sinne), die rein nur zum Ausdrucke der Frage 
dienen, und zwar: 

1) ganz allgemein durch ne, welches dem hauptsächlich 
in Frage gestellten Worte (Gegenstande) angehängt wird, 
entsprechend dem deutschen bejahenden: weisst du 
nicht? etc. — 

Anm. 1 , Bei solchen allgemeinen Fragen liebt es der 
Deutsche, noch eine die bejahende Antwort provo- 
cirende Negation beizufiigen. 

Der Lateiner tkut dies nie, weil das ne zu einer 
• solchen Wendung allein schon genügt. 

Erwartet der Lateiner hingegen bei einer solchen 
allgemeinen Frage im Geheimen doch ein »Nein* 
zur Antwort, so verbindet er gerne mit dem ne auch 
verneinende Eigenschafts- (ullus etc.) und Umstands- 
wörter (unquam etc.). 
Anm. 2. Da ne ein sich anschliessendes und unselb- 
ständiges Fragewort ist, so verliert es leicht sogar 
seine Sylbenselbständigkeit und schliesst sich en- 
klitisch nach Abwerfung seines Vokals an die vorher- 
gehende Sylbe an: 

Ai'n' tu? 

2) Durch num, wenn man offen eine verneinende Ant- 
wort erwartet; es ist entstanden aus dem Griechischen 
Liwv, d. h. fii] ovv, ist also eine Frage mit dem inner- 
lichen Wunsche des Fragenden, dass etwas nicht sein 
möge: doch wohl nicht? wie doch nicht? 



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— 76 — 

Anni. 1. Num verstärkt: numne? iiumnam? num- 
quid ? 

Anm. 2. Wegen des verneinenden Sinnes solcher Fra- 
gen steht bei num statt aliquis stets quis oder (luis- 
quam. 

3) Durch nonne, wenn man eine bejahende Antwort 
erwartet ; die Anwendung von nonne in diesem Falle er- 
klärt sich aus § , wornach im Lateinischen eine dop- 
pelte Negation bejaht. 

Anm. Bei Fortsetzung einer solchen Frage (im zu- 
sammengesetzten Satze) schliessen sich die übrigen 
Frageglieder einfach mit non an. 

4) Die Fortsetzuni? einer im vorhergehenden Satze ent- 
weder ausdrücklich gethanen oder wenigstens im Sinne 
dieses Satzes gelegenen Frage geschieht im nächsten 
Satze durch an. 

Anm. 1. Bisweilen an verstärkt: anne 

Anm. 2. Verneint setzt die Frage fort: annon, 

wofür auch ergo als Schlussfolgerung. Fortsetzung 

einer Frage im abhängigen Satze durch necne. 
Anm. 3. Das fragende »oder« (an) ist im Lateinischen 

wohl zu unterscheiden von dem disjunct. »oder« (aut). 
Sehr ungewöhnlich ist »an« an der Stelle von aut, 

wo es dann als eine eingeschobene, verkürzte Frage 

zu betrachten ist: Themistocles , quum ei Simonides 

— an quis alius? — artem memoriae polliceretur : 

oblivionis, inquit, mallem. — 
Anm. 4. Im silbernen Zeitalter vertritt »an« die Stelle 

von ne oder num im ersten Fragegliede. 

Die Antwort 

auf eine Frage ist entweder bejahend oder verneinend. 
L Die bejahende Antwort wird gegeben: 
1) Durch Wiederholung desjenigen Wortes, auf welchem 

bei der Frage die nachdrückliche Betonung lag, und zwar 

entweder allein, 

oder in einem Satze. 



— 77 — 

2) Die Antwort wird betheuernd oder bezweifelnd ver- 
stärkt durch besondere adverb. modi affirmativa: sane, 
sane quidem, etiam, verum, vero, ita, ita plane, ita enim- 
vero, omnino, certe, profecto, vere, scilicet, videlicet, ni- 
mirum, nempe, quippe, fortasse, forte, forsitan (forsan), 
und zwar entweder allein, 

oder in Verbindung mit einem Satze. 

II. Die verneinende Antwort erfolgt in gleicher Weise : 

1) Durch Wiederholung desjenigen Wortes, auf welchem 
bei der Frage der Nachdruck lag, in Verbindung mit 
non, und zwar entweder allein, 

oder in einem Satze. 

Anm. Die Negation kann natürlich auch in einem zu- 
sammengesetzten Hauptworte, Zeitworte etc. ruhen. 

2) Verstärkt betheuernd durch besondere adv. modi 
negativa: non ita, minime, minime vero, nihil minus, 
entweder allein, 

oder in einem Satze. 

Anm. Die Partikel immo (immo vero) ist sowohl be- 
jahend, als verneinend; es kommt also bei ihrem 
Gebrauche lediglich auf den betreffenden Zusatz an. 

G. Der Ausruf 

wird zur Bezeichnung der Verwunderung, des Stau- 
nens etc. ausgedrückt durch 

1) eine interjectio; 

2) durch einen Vocativ: p. Mil. 22. Heus tu, Rufe, 
cave sis mentiaris! 

Anm. Bisweilen ist mit dem Voc. die Interjection ver- 
bunden: per sancte Jupiter! 

3) Durch einen accus, ohne oder mit interj.: me mi- 
serum! ecce hominem! 

Anm. Hierzu gehört auch der acc. c. inf. : o spectaculum 
miserum atque acerbum, ludibrio esse urbis gloriam 
et populi Romani nomen! 

4) Durch per. — Jug. 14. Patres conscripti, per vos, 



— 78 — 



^'im^ 




\i 



per liberos atque parentes vestros, per majestatem po- 
puli Rom., subvenite misero mihi ! — 

5) Durch einen dat. in Verbindung mit einer interj.. 
besonders vae und hei. 

6) Durch den nomin. in Verbindung mit en Und ecce: 
ecce homo! 

■ 

7) Durch utinam, ut, o si mit dem conj. 

Anm. 1. Die Sätze mit ut sind als Nel)ensätze dei- 
Folge und Absicht, die mit o si als Bedingungssätze 
aus dem zusammengesetzten Satze zu erklären. 

Anm. 2. Bisweilen vereinigt sich in einem solchen 
Nebensatze Frage und Ausruf: te ut nulla res fran- 
gat!? 

8) Durch ne cum conj. (verneinender Nebensatz der 
Absicht): Dial de or. 18. Quos utinam ne in illa parte 
imitatus esset Calvus vester aut Coelius aut ipse Cicero I 

9) Durch den blossen conj., zuweilen mit sie, ita, wo- 
rauf dann ein Nebensatz der Bedingung oder Folge ein- 
tritt (also ein zusammengesetzter Satz): intereaiii, si 
possum! (s. Hör. sat. 1, 9, 39.) ~ Inteream, si aut valeo 
Stare, aut novi civilia jura. — 

Anm. Bisweilen bleibt das ut des Nebensatzes aus: 
alsdann ist der Ausrufesatz formell als eingeschoben 
zu betrachten. 

10) Durch einen Satz mit einem relat., dem blos durch 
die Betonung die Kraft eines Ausrufs verliehen wird: 
Agric. 1. Quotiens magna aliqua ac nobilis virtus vicit 
ac supergi-essa est vitium parvisque magnisque civitati!)us 
commune, ignoi'antiam recti et invidiam! 

Anm. 1. Der Lateiner kennt nicht den bejahend ge- 
meinten und formal verneinten Ausruf: Wie gross 
ist nicht Gottes Güte! Quanta est Dei benignitas! — 

Anm. 2. Auch hier ist die Häufung des Relat. im 
Lateinischen sehr beliebt: Quantae quoties occasiones 
quam praeclarae fuerunt! — 



Achtes Kapitel. 



Der jttfammettgejofliette $a^ 

entsteht, wenn in einem einfachen Satze ein oder meh- 
rere Satztheile mehrfach gesetzt werden. So viele Satz- 
theile mehrfach vorhanden sind, in so viele einfache Sätze 
lässt sich der zusammengezogene Satz auflösen. Ueberall 
wird aber ein bescheidenes Zahlenverhältniss der zusam- 
mengezogenen Satztheile zu den einfach vorhandenen an- 
zurathen sein, indem die Vervielfachung zu vieler Satz- 
theile den zusammengezogenen Satz schleppend und un- 
angenehm macht. 

Die Verbindung der mehrfach vorhandenen Satztheile 
unter einander geschieht entweder durch blosse Nebenein- 
anderstellung (Asyndeton) : Sali. Cat. 1 1 : Gloriam, hono- 
rem, Imperium bonus, ignavus aeque sibi exoptant; 

oder durch eine besondere Wortart, nämlich durch die 
Bindewörter (conjunctiones), wozu auch die adverbia 
mit bindender Kraft zu rechnen sind: et, partim etc. 

Anm. Aehnlich wie die Sprache im zusammengezoge- 
nen Satze verfährt die Mathematik bei Vereinfachung 
ihrer Ausdrücke und ihres Verfahrens : ax -j- hx = 
(a + b) X. — 

Im Allgemeinen erfordert der zusammengezogene Satz 
also nur eine genaue Kenntniss der hierher gehörigen 
Bindewörter, indem er im üebrigen blos eine Wieder- 
holung des einfachen Satzes darbietet. Nur ein Punkt 
verursacht durch sein Abweichen vom Deutschen einige 
Schwierigkeiten, nämlich die Lehre von der Congruenz 
des Prädikats (nebst seinem Attribute etc.) mit dem mehr- 
fach vorhandenen Subjecte in genus und numerus. Wir 
halten es für passend, zunächst eine Uebersicht der hier 
vorkommenden Fälle zu geben, und hierauf die Erklärung 
der Bindewörter folgen zu lassen. — 



— 80 — 



- 81 



/ 




Congruenz des Präedikates etc. mit dem mehr- 
fach vorhandenen Subjecte. 

* A. Im Numerus. 

1) Bei gleicher Person des Subjects steht das Prädi- 
kat etc. 

a. im numer. plur., wenn es auf alle Subjecte als auf 
eine Vielheit bezogen wird: Tac. Hist. 3, 08: Nox et 
ignotum rus fugam Neronis absconderant. 

Anm. Hieraus erklärt sich auch die Zusammenziehung: 
Cn. et P. Scipiones. 

b. im num. singul., wenn man die mehrfach vorhande- 
nen Subjecte in eine Einheit geistig (oder sinnlich?) zu- 
sammen fassen kann ; 

c. oder es wird das Prädikat etc. nur auf eines der 
Subjecte bezogen und mit diesem in Uebei-einstimmung 
gebracht: Jug. 14, 10: Hostes ab latere, vos amici procuj, 
spes omnis in armis erat. 

Anm. Besonders liebt der Lateiner diess letztere Ver- 
fahren bei den trennenden Bindewörtern aut-aut, 
vel-vel, so wie bei den ausschliessenden ne.]ue-neque, 
obgleich auch hier die Regel a. anwendbar ist. 

2) Bei verschiedenen Personen im Subject steht 

a. wenn das Prädikat auf alle Subjecte als eine (ein- 
heitliche) Vielheit bezogen wird, dasselbe im num. plur. 
so, dass es in der Person sich nach der desjenigen Sub- 
jects richtet, welches in dieser Hinsicht vor den übrigen 
den Vorzug behauptet, indem die erste Person der zwei- 
ten und diese der dritten im Range vorangeht: Tac. 
Hist. 2, 47: Experti in vicem suiuus, ego ac fortuna. 

b. das Prädikat etc. wird nur auf ein Subject bezogen 
und mit diesem in Verbindung (Congruenz) gebracht. 

Anm. Besonders ist diess der Fall bei aut-aut, nec- 
nec, und auch bei et-et. 

Und so auch als Asyndeton : Tu bene, frater tuus 
male scribit. — 



6. Im genus. 

Wenn hinsichtlich des uenus ein Prädikat etc. sich 
nach dem mehrfach vorhandenen Subjecte zu richten hat, 
so gelten folgende Regeln: 

1) Bei gleichem Geschlechte der Subjecte wird das 
Prädikat 

a. auf alle bezogen im numer. plur. und im gleichen 
Geschlechte, 

b. oder ausschliesslich mit einem einzigen in Verbin- 
dung gebracht. 

Anm. Doch können im Falle a. die Subjecte, wenn 
es Sachsubstantive sind, das Prädikat auch im neutr. 
plur. bei sich haben. 

2) Bei verschiedenem Geschlechte der Subjecte steht das 
Prädikat 

a. auf alle bezogen, und zwar: 

bei Personalsubstantiven im masc. plur., 
bei Sachsubstantiven im neutr. plur. ; 

b. oder es wird ausschliesslich mit einem einzigen Sub- 
ject verbunden, 

und bei gemischten Personen- und Sachsubstantiven 
tritt meist dieser letztere Fall ein, so dass entweder das 
Prädikat auf das Personensubstantiv bezogen wird, 

oder auf das Sachsubstantiv; 

wenn nicht Personen- und Sach Substantive gemein- 
schaftlich als Sachen aufgefasst werden, und mit ihnen das 
Prädikat im neutr. plur. verbunden wird. 

Anm. Constr. ad synesin : Ann. 2, 52. Furius Camil- 
lus legionem et quod sub signis sociorum in unum 
conductos ad hostem duxit. — 

Die Bindewörter des zusammengezogenen 
Satzes sind entweder eigentliche Bindewörter (im en- 
geren Sinne: et, ac etc.), oder zu Bindewörtern gewordene 
adverbia (modo, partim etc.). In Beziehung auf die 
Qualität ihrer bindenden Kraft zerfallen sie in: 

I. Gleichstellende Bindewörter (conjunct. copulat. im 
engeren Sinne); dazu gehören: 

6 




i 



n 



^ 4 



82 



1) et, 

2) que, 

3) atque, 

4) ac, 

5) (als verneintes und) neque: opinionibus vulgi rapi- 
mur in errorem nee vera cernimus. 

Anm. 1. Attribute verschiedener Art (Eigenschafts- 
wörter, Fürwörter, partic, Zahlwörter) bei einem 
einzigen Hauptworte bilden natürlich keine Zusam- 
menziehung : tres amplae domus. — praeclarus ille vir. 
Eben so wenig ist eine Zusammenziehung anzu- 
nehmen, wenn das eine attrib. mit dem subst. gleich- 
sam verschmelzend einen neuen zusammengesetzten 
Begriff bildet, zu dem dann erst das zweite attrib. 
die eigentliche attributive Bestimmung bildet : naves 
longae veteres. — fecundi agri Campani. — 

In anderer Weise lässt sich ein Zahlwort auch 
durch ein Bindewort an ein Eigenschaftswort ge- 
schlossen einem subst. beilegen; in diesem Falle ent- 
hält das Bindewort einen eigenthümlich cumulativen 
Ausdruck: und zwar: multi et praeclari viri, viele, 
und zwar berühmte Männer. — 

Anm. 2. Aehnlich wie beim beigeordnet zusammen- 
gesetzten Satze (§ ) wird neque durch die Ge- 
wohnheit des häufigen Gebrauchs auch dann an- 
gewendet, wenn für die Verbindung schon durch ein 
enim, vero, tamen gesorgt und eigentlich nur noch 
das in neque liegende non für das zweite verbundene 
Satzglied erforderlich ist: Alcibiades magnam amici- 
tiam sibi cum quibusdam regibus Thraciae pepererat, 
neque tamen a caritate patriae potuit recedere. — 

Anm. 3. Ungewöhnlich ist der Fall, dass neque einem 
Satze ein zweites Prädikat bejahend beifügt, und die 
in neque enthaltene Negation sich lediglich auf einen 
zu diesem zweiten Prädikat gehörigen Satztheil be- 
bezieht : Hostes deustos pluteos turrium videbant nee 
facile adire apertos (sc. Romanos) ad auxiliandum 



— 83 — 

animadvertebant. - Consules in Hernicos exercitum 
duxerunt neque inventis in agro hostibus Ferenti- 
num, urbem eorum, vi ceperunt. — 
Anm. 4. Dichterisch: Hör. sat. 1, 6, 43: Si plostra 

ducenta concurrantque foro tria funera. — 
6) Beliebt, als enger verknüpfend, sind die Verdoppe- 
lungen der Bindewörter: et-et, et-que, que-et, que- que, 
neque-neque, nec-nec. 

Anm. 1. Die Verdoppelung des neque kann auch durch 
einen im ersten Gliede negirten Satztheil ersetzt 
werden: Tu autem te negas fracto remo neque co- 
lumbae collo commoveri. — Negat Epicurus opus 
esse ratione neque disputatione. — 

Anm. 2. Nicht mit den Doppelgliedern, verbunden 
durch neque-neque, ist es zu verwechseln, wenn das 
zweite Glied der einfachen Zusammenziehung mittelst 
eines neque selbst wieder durch ein zweites neque 
als untergeordnet zusammengezogen erscheint: Mi- 
nora dii negligunt neque agellos singulorum nee 
viticulas persequuntur. — 

Anm. 3. Bei verdoppeltem neque kann die Vernei- 
nung entweder von dem einen wieder negirt werden : 
Neque ego unquam dicam etc. , neque non lan- 
dabe, — 

oder von allen beiden : Neque non diligunt dii nos, 
neque ignorant ea etc. 

Anm. 4. Et-que bildet bei Cic. nie ein Doppelglied 
der Verbindung, sondern et verbindet den ganzen 
Satz mit dem vorhergehenden, quo verbindet in dem 
neuen Satze die zusammengezogenen Stttztheile: Et 
breviter sane minimeque obscure exposita est vete- 
ris Academiae ratio. — 

Nie bei Cic. que-et : Metellus seque et exercitum 
more majorum gerebat. — 

Noch ungewöhnlicher ist que-que : Aequitate seque 
remque publicam curabant. — 

6* 



f|H 






— 84 — 



— 85 






Anm. 5. Eine gemischte Doppelverbindung ist die 
theils bejahende, theils verneinende: et-neque (nee), 
oder neque (nee) -et (neque non) : Aufidus et in se- 
natu sententiani dicebat nee amicis deliberantibus 
deerat. 

So auch et-et non, et non-neque, et non-et: Man- 
lius et semper me coluit et a studiis nostris non 
abhorret. — 
7) Als gleichstellende Bindewörter, und zwar regel- 
mässig im Doppelgliede, werden gebraucht die adverbia: 
modo-modo, nunc-nunc, simul-simul, partim -partim, tum- 
tum, jam-jam, tam-quam, quum-tum. • 
Anm. Der Gebrauch von quum-tum, in der gewöhn- 
lichen Bedeutung: »sowie überhaupt, alsdann ganz 
besonders«, erklärt sich aus der zeitlichen Anwen- 
dung dieser Partikeln, §• 
II. Entgegenstellende Bindewörter (conj. adversativae), 
wozu folgende Fälle gehören: 

1) Das erste zusammengesetzte Satzglied steht bejaht, 
das zweite folgt mit sed, autem, at (wie im beigeord- 
neten Satze § ). Hierdurch entsteht lediglich eine be- 
schränkende Entgegenstellung. 

2) Das erste zusammengezogene Satzglied wird ver- 
neint, das zweite folgt mit sed, verum etc. (aufhebende 
Entgegenstellung): Otii fructus est non contentio animi, 
sed relaxatio. — - 

Anm. Eine aus Gleichstellung und Entgegenstellung 
gemischte Verbindung entsteht durch die Verneinung 
der § genannten adv. copul. modo und solum, mit 
folgendem sed. Die hierbei möglichen Fälle sind 
folgend»: 

a. non modo (solum) -sed: Neque solum cives, sed 
cujusque modi genus hominum sollicitabat Lentulus. — 

b. non modo (solum) -sed etiam: Nullum tempus 
dimittam, quin id non modo recusem, sed etiam ap- 
petam (non modo hier: n. m. non). — Tanto scelere 
non modo perfecto, sed etiam cogitato. — 



c. etiam- non modo (volum): Secundas etiam res 
nostras, non modo adversas pertimescebam. — 

d. non modo (solum) non -sed ne quidem (sed vix) : 
non modo tibi non irascor, sed ne reprehendo qui- 
dem. — Caesaris et Pompeji non modo res gestas 
non antepono meis, sed ne fortunom quidem ipsam. — 

Ist im Falle d. das Prädikat den zusammengezo- 
genen Sätzen gemeinschaftlich und steht am Ende 
des ganzen Satzes, so fehlt häufig das zweite non 
bei non modo. Formal ist diess aber als eine aus 
Bejahung und Verneinung (non modo-sed ne quidem) 
gemischte Form und, im Falle non modo voraus- 
geht, als ein Verlassen der bejahenden Verbindung 
zu betrachten: assentatio non modo amico, sed ne 
libero quidem digna est (man erwartete fortgefahren 
mit: sed etiam libero indigna est). 

Geht die Negation voraus (z. B. ne quidem), so 
bildet das folgende non modo ein Verlassen dieser 
Construction und eine bejahende Fortsetzung, deren 
verneinender Sinn lediglich aus dem Contexte heraus- 
zufinden ist: Apollinis oracula ne mediocri (luidem 
cuiquam, non modo prudenti, probata sunt. — Nul- 
lum meum minimum dictum, non modo factum, pro 
Caesare intercessit. — 

Steht hingegen bei einem solchen Verlassen der 
Construction das Prädikat bei dem ersten zusammen- 
gezogenen Satzgliede, so bildet das folgende Glied 
stets einen verkürzten Satz: Ne sues quidem id ve- 
lint, non modo ipse (sc. id non vult). — g 

III. Ausschliessende Bindewörter (conj. disjunctivae) 
sind : 

1) aut, 

2) vel, 

3) ve, 

4) seu, 

5) aut-aut, vel-vel. 



— 86 — 



— 87 — 



I 




Anm. sive-sive bildet ursprünglich eingeschobene Ne- 
bensätze der Bedingung: si vis-si vis, bis es all- 
mälig fast zum reinen Bindeworte herabsank. 

Schlussbemerkung. Wird im zusammengezogenen 
Satze das Bindewort so oft wiederholt, als es mehr- 
fach vorhandene Satztheile giebt, so nennt man diese 
Verbindungsweise ein Polysyndeton. 

Dass hingegen im Asyndeton alle Bindewörter 
wegbleiben, haben wir schon oben § gesehen. Ein 
solches Asyndeton verleiht der Rede oft einen ge- 
wissen energischen Reiz, und ist in gewissen Aus- 
drücken stehender Gebrauch: 

a. bei den adv. primum, deinde, tum etc., denen 
man übrigens auch verbindende Kraft beilegen kann ; 

b. bei reliqui, ceteri, alii etc., wenn sie von dem 
betreffenden Gegenstande den Rest angeben. 

Da endlich die Zusammenziehung bei den wich- 
tigsten wie bei den geringsten Satztheilen eines ein- 
fachen Satzes statt finden kann, so lassen wir zum 
Schlüsse eine Sammlung gemischter Beispiele folgen, 
die jeweils aus den bisher gegebenen Regeln ihre 
Erklärung finden mögen. 

Peripatetici et Academici nominibus differunt, re 
congruunt etc. — 



Elftes Kapitel. 



5er burd) ßeiorbnung jtifainineitgefe^te So^. 

Wenn zwei oder mehrere der bisher dargestellten Satz- 
arten in einem engen Gedankenzusammenhaug stehen 
oder erst vereint eine höhere Gedankeneinheit bilden, so 
können sie dieser inneren Einheit entsprechend auch in 



die äussere syntaktische Einheit eines grossen Satzge- 
füges zusammentreten, ohne dadurch ihre gegenseitige 
formale Selbständigkeit einzubüssen. Diese Verbindung 
zweier oder mehrerer unabhängiger Sätze zu einem Satz- 
ganzen erhält den Namen des beigeordneten Satzes, und 
ist diese Beiordnung auf doppelte Weise möglich: 

A. Die Sätze werden einfach aneinandergereiht ohne 
alles formale Band (Asyndeton). Die so asyndetisch ver- 
bundenen Sätze stehen geistig zu einander im Verhält- 
niss: 

a. Der Beiordnung: C. B. G. 7, 88. Repente post ter- 
gum equitatus * cernitur : cohortes aliae appropinquant : 
hostes terga vertunt: fugientihus equites occurrunt: fit 
magna caedes. — p. Arch. 11. Haec vcro (memoria sc. 
sempiterna) sivc a mco sensu post mortem afutura est, 
sive, ut sapientissimi homincs putaverunt, ad aliquam 
animi mei. partem pertinebit: nunc quidem certc cogita- 
tione quadam speque dclector. 

Beisp. 

b. Der Entgegenstellung: Ann. 15, 63. Vitae deleni- 
menta monstraveram tibi: tu mortis decus mavis. — 

Beisp. 

c. Der Ausschliessung : Agric. 27. Iniquissima haec bel- 
lorum conditio est: prospera omnes sibi vindicant, ad- 
versa uni imputantur. — 

Beisp. 

d. der Begründung. 

Beisp. 

Als Asyndeton ist es auch zu betrachten, wenn fol- 
gende adv. zu einem oder allen beigeordneten Sätzen hin- 
zutreten : 

1) etiam und quoque. Quoque setzt ein gemein- 
schaftliches Prädikat oder Object mit dem verglichenen 
vorausgegangenen Satze voraus. Etiam ist vermehrend 
(et-jam?). Man kann also nicht sagen: Cajus interemit 
civem, Titius urbem quoque incendit. — Etiam vor oder 
nachgesetzt. 



88 - 



— 89 







2) Item enthält eine reine Vergleichung. 

Anm. Das zweite Glied der Vergleichung verneint mit 
non item (nicht: non etiam). 

3) Nee. Das einzeln stehende nee verlangt zur Er- 
gänzung ein zu supplirendes erstes Satzglied mit nee: 
Interrogatus, an facta hominum deos fallerent : nee cogi- 
tata, inquit (supplirend als erstes Glied: nee facta). 

4) Ne-quidem. 

5) Primum (primo), deinde, tum, postea, denique, de- 
mum, tandem, postremo. 

6) Partim-partim, alias-alias, aliter-aliter, modo-modo, 
nunc-nunc, jam-jam, tum-tum, simul-simul, dumtaxat. 

B. Die Verbindung der beigeordneten Sätze kann aber 
auch durch ausdrückliche Bindewörter geschehen, welche 
hierbei in folgende Classen zerfallen: 

I. Beifügende Bindewörter (conj. copul.): 
1) Et. 



2) Que. 
Anm. 1. 
Anm. 2. 
Anm. 3. 
Anm. 4. 



et non und neque. 
neque non. 

lieber neve (neu) s. § 
Que zur Verstärkung von 1- und 2-sylbigen 
Wörteni. 

Anm. 5. Que dichterisch nachgestellt: De facili com- 

posuitque luto. 
Anm. 6. Neque et: Tac. A. 15, 12. ad Her. 4, 17. 
Anm. 7. Wechsel der Partikeln: Caes. B. C. 1, 52: 

que-et-atque-et-ac. 
Nach einer Negation setzt nicht et fort, sondern 

aut (vel). 
Aber Cic. de rep. 3, 31. 
3) Ac und atque. 

Anm. 1. Ac nie vor einem Vokal oder h. 
Anm. 2. atque adeo (statt vel potius). 
Anm. 3. atque nachgestellt nach mehreren Worten ist 

dichterisch. 



4) et-et, neque(nec)-neque (nee), neve(neu)-neve(neu) 
bilden ein Polysyndeton. 

Anm. 1. Et-que. 
Anm. 2. Que-que. 

Anm. 3. Neque-neque non. Neque- et. Et-neque. 
• Anm. 4. p. Marcel. 2. Nunqiiam temeritas cum sa- 
pientia commiscetur, neque ad consilium casus ad- 
mittitur. — 

5) Quum-tum, tam-quam, welche Verbindungsart aus 
den untergeordneten Sätzen übertragen erscheint. — 

IL Entgegenstellende Bindewörter (c. adv.). 

a. Die Gegenstellung ist eine blos beschränkende, wenn 
der erste Satz bejahend ist, und der zweite entgegenge- 
stellt wird mit: 

1) sed, autem, 

2) at, atqui, 

3) verum, vero, 

4) tamen. 

Anm. 1. Stellung. 

Anm. 2. at vero^ attamen, sed tamen, verumtamen: 
p. Rose. 20, 55. Innocens est quispiam: verumta- 
men, quamquam abest a culpa, suspicione tamen 
non caret. — 

b. Die Gegenstellung ist eine aufhebende, indem der 
erste Satz verneint, der zweite mit sed oder verum ent- 
gegengestellt wird: 

1) non modo (solum) -sed. 

Beisp. 
non modo (s.) -sed etiam. , 

Beisp. 
Anm. Non modo-verum quoque. 

2) Non modo non (nihil, nuUus etc.) -sed ne quidem 
(sed vix). 

Anm. 1. Regnum non modo Rom. homini, sed ne 

Persae quidem cuiquam tolerabile. 
Anm. 2. Quis non modo approbavit, sed non indig- 

jiissimujn facinus putavit? 



— 90 - 



— 91 



III. Aiisschliessende Bindewörter (c.disj.): 

1) aut, vel, 

2) sive, ve, 

3) aut-aut, vel- vel, sive- sive. 

Anm. Nemo aut miles aut eques a Caesare ad Pom- 
pejum transierat. • 

IV. Begründende Bindewörter (c. caus.) : 

1) nam, naraque. Aristid. 1. Aristides cum Themisto- 
cle de principatu contendit; namque obtrectarunt inter 
se. — 

2) enim, etenim, 

3) quare, quamobrem, 

4) quapropter, quocirca, 

5) nempe, quippe, 

6) scilicet, videlicet, 

7) nimirum, 

8) utique. 

Anm. 1. At enim, sed enim, verum enim, cuimvero, 
verum enimvero bilden eine entgegenstellend-begrün- 
dende Mischform. 

Anm. 2. Nachdrückliche Erläuterung durch einen be- 
sondern Hauptsatz mit dico oder inquam. 

Anm. 3. Das einfach erläuternde und ergänzende 
»nämlich« fehlt im Lateinischen: Inter Rom. duo 
tloruerunt praestantissimi oratores, Cicero et Hor- 
tensius. — 

V. Folgernde Bindewörter (c. consec): 
1> igitur, 

2) itaque, 

3) ergo, 

4) hinc, inde, proinde, unde. 

Anm. 1. Ergo und itaque an der ersten, igitur an 
der zweiten Stelle. 

Anm. 2. Die an der zweiten Stelle befindlichen conj. 
caus. und consec. treten an die dritte, wenn der 
Satz mit Hauptwörtern cum praepos. anfängt, die 



dann nicht getrennt zu werden pflegen: ad huma- 
nas igitur (autem, enim etc.) res. Necesse est 
enim. — 



Zwölftes Kapitel. 



Der nerkfirjte Sa% 

kann nur in Verbindung mit einem andern Satze vor- 
konmien; sein Wesen beruht nämlich darauf, dass ihm 
ein oder mehrere Satzglieder fehlen, welche sich nur aus 
den Satzgliedern oder aus dem Sinne des mit ihm ver- 
bundenen. Satzes erganzen lassen. Der verkürzte Satz 
erscheint neben dem mit ihm verbundenen vollständigen 
Satze entweder 

a. als beigeordnet: 

In Hyrcania plebs publicos alit canes, optimates do- 
mesticos. Germ. 4. Minime sitim aestumque tolerare, 
frigora atque inediam caelo solove assueverunt. — Germ. 
27. Sua cuique arma, quorundam igni et cquus adjicitur. 
-- Jug. 10. Non exercitus neque thesauri praesidia regni 
sunt, verum amici, quos neque armis cogere neque auro 
parare queas. — Catil. 54. Caesar beneficiis atque muni- 
ficentia magnus habebatur, integritate vitae Cato. — 
Caesar dando, sublevando, ignoscendo, Cato nihil largiundo 
gloriam adeptus est. — 

Anm. Ist das beiden Sätzen gemeinschaftliche Prädikat im 
vollständigen Satze bejahend, und wird dasselbe im ver- 
kürzten verneint, so darf es in der Regel in letzterem 
nicht fehlen: Huic oratori multa defuerunt, ubertas 
non defuit. — Ex propinquitate benevolentia tolli 
potest, ex amicitia non potest. — 
Oder es steht dafür item : Hoc Herculi potuit con- 



— 92 — 



— 93 — 



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t 



4 



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t-if "' 1^ 



tingere, nobi.« non item. — Spectaculum uni Crasso 
jucundum fuit, ceteris non item. — 

Selten: Varroni displicet consilium, mihi non; — 
oder 

b. als untergeordnet (als Nebensatz), welches der zahl- 
reichere Fall ist, da sehr oft die Vervollständigung eines 
Nebensatzes tiberflüssig erschien, dessen Sinn sich leicht 
aus dem ihm übergeordneten Satze (per contextum) er- 
gab: p. Rose. 3^, 80. Quid, si accedit eodcm, ut tenuis 
antea fuerit? quid, si, ut avarusV quid, si, ut audax? 
quid, si, ut illius, qui occisus est, inimicissimus ? — Hist. 
4, 74. Yitia erunt, donec homines. — 

Anm. 1. Besonders häufig sind verkürzte Bedingungs- 
sätze mit nisi: Tac. Ann. 1, 3. Bellum oa tempe- 
state nullum nisi adversus Germanos supererat. — 
Milt. 4. Athenienses auxilium nusquam nisi a Lace- 
daemoniis petierunt; — 

wobei auch wieder der Hauptsatz verkürzt werden 
kann, indem er sein Prädikat an den Nebensatz ab- 
gibt: Quis illum consulcm, nisi latrones putant? 

Anm. 2. Bei zwei Hauptsätzen mit Nebensätzen der 
Bedingung erscheint der zweite, conträre Bedingungs- 
satz oft verkürzt mit sin minus (aliter). 

Besonders ungezwungen ergeben sich die Verknüpfun- 
gen der verkürzten Sätze mittelst eines relat. in den- 
selben, und zwar 

a. als untergeordnet verkürzt: quandocunque mihi poe- 
nas dabis. — Germ. 10. Auspicia sortesque, ut qui maxime, 
observant. — 

Anm. 1. Der verkürzte Nebensatz des attr. theilt mit 
dem Hauptsatze die ganze Construction , wenn er 
aus diesem sein Subject und Prädikat ergänzt: Pla- 
tonem ferunt sensisse idem, quod Pythagoram (sc. 
sensisse ferunt). — Credo, te idem peccasse, quod 
me. — 

Bei verschiedenem Subjecte und Prädikate kann 



hier keine Verkürzung eintreten: Quis credat, tan- 
tum esse solem, quantus videatur? — 

Anm. 2. Das relat. des verkürzten Nebensatzes kann 
sich auch in formale Uebereinstimmung setzen mit 
dem demonstr. des Hauptsatzes, auf welches es sich 
bezieht, und indem nun jenes dem. des Hauptsatzes 
als leicht zu ergänzen wegfällt, entsteht hierdurch 
eine für uns ganz unnachahmliche Verkürzung in 
Haupt- und Nebensätzen: Quibus poterat, sau- 
ciis ductis secum ad urbem pergit. — Raptim, qui- 
bus quisque poterat, elatis exibant. — (Nur beim 
abl. abs.?) 

Anm. 3. Durch das relat. quantus können Haupt- und 
Nebensätze in doppelter Verkürzung zu einem ein- 
fachen Satze verbunden werden: Id mirum quantum 
profuit ad concordiam civitatis, (statt Mirum est, 
quantum id. p. ad. c. civi.) — Poscebat ille nimium 
quantum (statt nimium est, qu. ille p.) 

b. als beigeordnet verkürzt: tantum, quod hominem 
non nominat, causam quidem totam perscribit. — 

Anm. Mit Auslassung des Nebensatzes mit quod wurde 
tantum non förmlich zum adverb. : Quum hostes tan- 
tum non arcessierint. — 

Fast die Hälfte aller verkürzten Sätze aber wird ge- 
bildet durch 

die Vergleichungssätze. 

Auch von ihnen gilt die Eintheilung, welche wir oben 
§ für alle verkürzten Sätze festgesetzt haben. 

I. Der verkürzte Vergleichungssatz erscheint dem un- 
verkürzten Hauptsatze beigeordnet ; die Vergleichung wird 
im Hauptsatze durch den compar., im Nebensatze durch 
quam ausgedrückt: Dial. de or. 37. Plures bonos prae- 
liatores bella quam pax ferunt. — 

1) Die Vergleichung findet zwischen zwei verschiedenen 
Gegenständen statt; dem zusammengesetzten Verglei- 



I 

i 

4 






H 



- 94 — 

chungssatze liegen zwei einander beigeordnete Positiv- 
sätze zu Grunde. Erhält nun der eine Gegenstand in der 
Vergleichung (durch den compar.) den Vorzug, so genügt 
es, aus dem zweiten Satze den zweiten (in der Verglei- 
chung unterlegenen) Gegenstand mit quam zu nennen, 
denn aus dem ersten vollständigen Satze ist durch den 
compar. schon an sich klar, dass dem zweiten vergliche- 
nen Gegenstande im verkürzten Satze dieselben Satztheile 
mit dem positiv, zukommen. Bei dieser Gemeinschaft- 
lichkeit der Construction stehen natürlich auch die beiden 
verglichenen Gegenstände im gleichen Satz Verhältnisse 
als Subject oder näheres Object etc. : Decet cariorem esse 
patriam nobis , quam nosmet ipsos. — p. Rose. 20, 55. 
Utilius est absolvi innocentem, quam nocentem causam 
non dicere. — Hist. 2, 84. Nihil aeque fatigabat, quam 
pecuniarum conquisitio. — 

Eine Verkürzung in beiden verglichenen Sätzen ent- 
steht, wenn der eine vollständige Satz sein Prädikat an 
den zweiten verkürzten abgibt. Diess ist nur möglich, 
wenn in beiden Sätzen sich die Vergleichung um die 
beiden Subjecte drehte: Semproniae cariora semper om- 
nia, quam decus aut pudicitia fuit. — 

Opportunior fugae collis, quam campi fuerant. — Dial. 
de orat. 10. Ne opinio quidem et fama aeque poetas, 
quam oratores sequitur. — 

Durch das Hineinziehen des verkürzten Satzes in den 
vollständigen kann das ganze Satzgefüge eine scheinbare 
Aehnlichkeit mit einem zusammengezogenen Satze er- 
halten : 

Divitiae a stultis magis quam a sapientibus expetuntur. 
— Ann. 15, 20. Nam culpa quam poena tempore prior, 
emendare quam peccare posterius est. — 

Anm. 1. Dass man dem vollständigen Satze den zwei- 
ten verglichenen Gegenstand auch im abl. des Grun- 
des beifügen und hierdurch einen einfachen Satz 
bilden kann, s. § : Nihil amabilius est virtute. 
— Natürlich ist diess bei möglicher Zweideutigkeit 



— 95 — 

nicht zu empfehlen : Brutum ego non minus te (quam 
tu oder te) amo. — 

Anm. 2. Das Zeitwort malo (magis volo), sowie das 
impers. praestat ersetzen oft vermöge ihrer com- 
parativen Kraft den compar. im vollständigen Satze: 
Valere malo, quam dives esse. — Accipere, quam 
facere, praestat injuriam. — Catil. 54. Cato esse 
quam videri bonus malebat. — 

Anm. 3. Eine ähnliche comparative Kraft besitzt das 
pronom. alius mit seinem adv. aliter. Nur hat aliter 
im verkürzten Satze stets die Bindewörter ac und 
atque statt quam: 

Beisp. 
alius eben so, wenn es bejahend steht: 

Beisp. 
verneint hingegen regiert alius im verkürzten Satze 
quam : 

Beisp. 
oder nisi (also verkürzter Bedingungsatz) : 

Beisp. 

Anm. 4. Bilden die beiden verglichenen Gegenstände 
einen zusammengesetzten Begriff mit gemeinschaft- 
lichem genus (durch das Hauptwort bezeichnet) und 
verschiedenen species (durch einen genit. bezeich- 
net), so bleibt im verkürzten Satze nur der die Ver- 
schiedenheit bezeichnende genit. stehen: Morbi per- 
niciosiores pluresque sunt animi, quam corporis. — 
Prima Gallorum proelia plus, quam virorum, post- 
rema minus, quam feminarum sunt. — 

Anm. 5. Verglichene Verhalten haben natürlich den 
compar. des adv. im vollständigen Satze, besonders 
magis, amplius, potius: Victus est Xerxes magis 
consilio Themistoclis, quam armis Graeciae. 

Manchmal tritt dieses potius und magis zu einem 
andern compar.: Qui se ab omnibus desertos magis 
quam abs te defensos esse malunt. 



\i* 



i 



.1 






*^ 



I 





— 96 — 

Plus ist substantivisches Neutr. und ursprünglich 
näheres Object : Vitiosi principes plus exemplo, quam 
peccato nocent. — Catonem nostrum non tu anias 
plus, quam ego. — Bella plus quam civilia. — Per- 
fidia plus quam Punica. — Ne quis plus quam unius 
civitatis esse possit. — Plus justo placidus. 

Oft bleibt der adv. compar., als sich von selbst 
verstehend, weg: Romani beneficiis, quam metu im- 
perium agitabant. - Ann. 11, 25. Famosos pro- 
bris quonam modo senatu depelleret anxius, nütein 
et recens repertam, quam ex severitate prisca ratio- 
nem adhibuit. — 
Anm. 6. Eine der eigenthümlichsten Verkürzungen ist 
die, welche durch quam pro aussagt, dass der compar. 
im verglichenen Satze etwas Stärkeres ausdrückt , als 
man nach den durch pro angegebenen Verhältnissen 
anzunehmen berechtigt war: Minor caedes, quam pro 
tanta victoria, fuit. — 
Anm. 7. Der geringere Grad des Einen durch non 
minus in Abrede gestellt : Non minus interdum Ora- 
torium est tacere, quam dicere. — 

Der höhere Grad des Andern durch non magis 
(plus) verneint: Liberi hominibus non magis cari 
esse debent, quam patria. 

Der Gebrauch von non magis ist ein ironischer, 

wo das Verglichene dem zweiten Gegenstand gar 

nicht zukömmt : Non magis ex malo bonum nascitur. 

quam ficus ex olea. — 

Der verkürzte Satz kann aber seines eigenen Subjects 

und Prädikats nicht entbehren , wenn dasselbe Prädikat 

in jedem der beiden ursprünglichen Positivsätze in einer 

andern Zeit stund: Ego in hac re felicior sum, quam tu 

fuisti. — 

Aber: homini majori, quam tu es. — 
Anm. Ad fam. 1,2. De bis rebus pridie, quam haec 
scripsi, senatus auctoritas gravissima intercessit. - 



— 97 — 

2) Wenn aber nicht verschiedene Gegenstände einander 
vergleichend gegenüber gestellt werden, sondern an einem 
einzigen Gegenstande durch Vergleichung die innere Ver- 
schiedenheit seines attributi (durch zwei adj.) oder seines 
Verhaltens (durch zwei adv.) daigestellt werden soll, so 
hat der Lateiner zwei Arten des Ausdrucks, nämlich die 
verglichenen adj. oder adv. stehen: 

a. beide im compar.: Asia ditiores, quam fortiores 
exercitus faciebat. — Romani bella quaedam fortius, quam 
feUcius gesserunt. - Ann. 15, 3. Legiones duas subsidiura 
Tigrani mittit, occulto praecepto, compositius cuncta, 
quam festinantius agerent. — Hist. 2, 24. Recuperare 
gloriam avidius, quam consultius properabat. — 

b. beide im posit., jedoch so, dass das vorgezogene 
attrib. (adv.) noch magis erhält : Celer tuus disertus magis 
est, quam sapiens. — Magis saepe, quam vere, Aetoli 
unquam pacem petebant. — Hist. 3, 62. Mox sponte 
mimos actitavit, scite magis quam probe. — 

IL Der verkürzte Vergleichungssatz steht schon ur- 
sprünglich zu dem vollständigen im Verhältniss der Un- 
terordnung. Unverkürzt haben wir solche Vergleichungs- 
sätze schon oben § angetroffen ; sie enthalten entweder 
einen compar. od. eitlen superl. und bezeichnen eine Wech- 
selwirkung oder Proportion des Verglichenen, indem sie 
behaupten: in je stärkerem (stärkstem) Grade sich bei 
einem Gegenstande das eine Verglichene findet, in desto 
stärkerem (oder stärkstem) Grade tritt auch das andere 
Verglichene ein. Hierher gehören die Sätze: 

1) mit quo-eo, quanto-tanto, und dem comp.: 
Eo crassior aer est, quo terris propior. 

2) mit ita (sie) -ut und dem compar. oder superl. 
Anm. L Dasselbe Verhältniss stellen die adv. tara- 

quam, tantum-quantum, toties-quoties dar: Nihil est 
tam pulchrum, quam virtus. — Gracchus utinam non 
tam fratri pietatem , quam patriae praestare voluis- 
set. — Ad fam. 5, 2. Tam sum amicus rei publicae, 
quam qui maxime. — 

7 



— 98 - 



— 99 — 



I 



Anm. 2. Auch der Hauptsatz kann verkürzt erschei- 
nen, indem sein Subject von dem relat. des Neben- 
satzes angezogen wird : Quo quis (quisque) modestius 
se gerit, eo magis aliis probatur; — 

oder indem das Prädikat des Hauptsatzes in den 
verkürzten Nebensatz tritt: Tanto brevius omne tem- 
pus, quanto felicius est. 

Anm. 3. Tacit. Gebr. eines Posit. und eines Compar. : 
Ann. 1, 57. Barbarus, quanto quis audacia promp- 
tus, tanto magis fidus rebusque motis potior habetur. 

— Ann. 1, 68. Hosti sonus tubarum, fulgor armorum, 
quanto inopina, tanto majora offunduntur. — 

Anm. 4. Ein verkürzter Satz liegt so streng genom- 
men in jedem einfachen Satze durch die Einführung 
eines Satztheils mittelst des vergleichenden ut: Al- 
cibiades in dicendo satis exercitatus fuit, ut Athe- 
niensis. — Ut illis temporibus doctus fuit. — Ann. 
3, 43. Augebantur eae copiae vicinarum civitatum 
ut nondum aperta consensione, ita viritim promptis 
studiis. — 

Anm. 5. Nebensätze der Vergleichung (s. § ), welche 
z. B. in voller Form lauten: Sic te Caesari com- 
mendavi, ut gravissime et diligentissime potui, 

können durch das vergleichende relat. (quam, 
quantus, qualis etc.) auf eine dem Deutschen uner- 
reichbare Weise Theile des Hauptsatzes an sich 
ziehen und zugleich mit dem Hauptsatze in innigsten 
Zusammenhang gebracht werden: quam potui maxi- 
mis itineribus exercitum ad Amanum duxi; 

und durch Weglassung von Subject und Prädikat 
des Nebensatzes (Verkürzung) kann nun ein schein- 
bar einfacher Satz entstehen : quam maximis itineri- 
bus exercitum ad Amanum duxi. — C. B. G. 6, 23. 
Civitatibus (Germanorum sc.) maxima laus est quam 
latissimas circum se vastatis finibus solitudines habere. 

— Hist. 4, 58. Tolerant cum maxime inopiam 
obsidiumque apud Vetera legiones. — Ann. 7, 11. 



Ipse, ut quam primum iter conficeret, Genabum Car- 
nutum proficiscitur. — 



Die Doppelfragen 

bilden in ihrem zweiten Gliede gleichfalls fast regelmässig 
eine Satzverkürzung. Sie stellen das eine Verglichene 
mit oder ohne compar. (superl.) dem andern gegenüber; 
im ersten Fragegliede (vollständigen Satze) steht ne, num 
oder utrum (ne oder num je nach den § darüber ge- 
gebenen Regeln), das zweite (verkürzte) folgt mit an 
(verneint annon): 

Utrum beatus est sapiens, an miser? — Ann. 0, 22. 
Sed mihi haec ac talia audienti in incerto Judicium est, 
fatone res mortalium et necessitate immutabili, an forte 
volvantur. -- 

Anm. 1. Utrum ist streng genommen eine für sich 
bestehende Ellipse: welches von beiden? d. h. utrum 
est? oder utrum mavis? etc. Es sollte also die In- 
terpunction stets folgende sein: utrum? beatus est 
sapiens, an miser? ~ 

was auch dadurch bestätigt wird, dass (analog 
dieser Interpunction) das erste FragegUed entweder 
oft ganz ohne Fragewort steht: Ann. 1, 50. Con- 
sultat, ex duobus itineribus breve et solitum sequa- 
tur, an impeditius et intentatum eoque hostibus in- 
cautum. — Jug. 24. Ferro an fame acrius urgear, 
incertus sum. — 

Beisp. 

oder dass es ne hat, und doch utrum als näheres 
Object zu einem besondern Prädikat vorausgeht! 
Utrum mavis, statimne nos vela facere, an paululum 
remigare? — 

Anm. 2. Verstärkt können utrum, num und an noch 
durch ein ne werden: utrumne, numne, anne; 
oder durch nam: utmmnam, Liv. 37, 17, 10. 



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'T. 



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— 100 - 

Anm. 3. In indirecten Fragen stehT statt annon: necne; 
beide Fragewörter wiederholen das erste Frageglied 
in negativer und zwar verkürzter Form: Ad fam. 
2, 17. Partlü transierint necne, praeter te video 
dubitare neminem. — 
Anm. 4. Wenn im zweiten Fragegliede ne statt an 
steht, z.B. in incerto fuit, vicissent, victine essent? 
so liegen stets zwei selbständige Fragen vor, die 
zweite mit, die erste ohne Fragewort, die eine ge- 
wöhnlich verkürzt, und die Disjunction ist aus dem 
Sinne zu entnehmen: Ut possit judicari , verum id. 
falsumne sit? 
Anm. 5. Fortsetzung der Frage mit aut: ,Tug. 67.: 
Id misericordiane hospitis, an pactione, aut casu ita 
evenerit, parum comperimus. — 
Jede Doppelfrage kann aber auch natürlich in der Form 
eines selbständig beigeordneten zusammengesetzten Satzes 
(ohne Verkürzung) erscheinen: Num dubitas de animorum 
immortalitate, an eam iirmiter tenes? — 
Anm. 1. Eine eigenthümliche Anwendung findet das 
»an« der fortgesetzten Frage bei den Ausdrücken : ne- 
scio, haud scio, dubito, incertum est und ähnlichen. 
Hier pflegte nämlich der Lateiner das ei'ste Frage- 
glied ganz wegzulassen , und zum Ausdruclve der 
Ungewissheit und des Zweifels, sowie wegen der 
Al)hängigkeit vom gemeinschaftlichen Hauptsatze 
haud scio etc. steht naturgemäss das zweite Frage- 
glied mit an im mod. conj. Wären diese Frage- 
glieder vollständig, so würden sie formell entweder 
als Subject (zu incertum est etc.) erscheinen: 

Beisp. 
oder als näheres Object (zu nescio etc.): 

Beisp. 
Natürlich ist die Frage mit an bejahend; mit 
verneinendem Sinne sagt man: haud scio, num. — 
Nescio, an non sit, sagt, dass es wohl nicht sei. - 
Mit haud scio an passt kein ullus etc., da dieses 



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ja einen negativen Sinn in die Frage brächte. So 
hat es denn auch Cic. nicht, wohl aber die Spätem, 
denen die bescheidene Wendung mit haud scio an 
zur Formel geworden war. So haud scio an ullus, 
unquam, üsquam, bei Sen., Quinct., Plin. etc. So ist 
auch dubito an bejahend bei Cic, hingegen bejahend 
und verneinend bei den Späteren. 
Anm. 2. Satzverkürzungen finden sich auch häufig 
bei eingeschobenen Sätzen: 

a. nescio quis (quid, qui etc.); 

b. nescio quomodo etc.; 

c. Id - mirum quantum — profuit ad concordiam 
civitatis. — 

Eist. 3, 62. Flavianus exercitus, immane quan- 
tum, exitium Valentis ut finem belli accepit. — Hist. 
4, 34. Forte Civilis lapsu equi prostratus, immane 
quantum suis pavoris et hostibus alacritatis indidit. 
— Hist. 5, 10. Proximus annus, civili hello inten- 
tus, quantum ad Judaeos, per otium transiit. — 



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